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19.03.2004

Melodien für Millionen

Melodien für Millionen

Rita Streichs Markenzeichen war die nötige Prise Frechheit in der Interpretation. Sie verhalf der Sängerin zu einer faszinierenden Natürlichkeit, mit der sie vor allem die heiteren Rollen des Vokalrepertoires zu würzen verstand. Und natürlich hatte sie eine Stimme, die über alle technischen Zweifel erhaben war. So wurde Streich zu einer der führenden Koloratursopranistinnen der zweiten Hälfe des vergangenen Jahrhunderts und darüber hinaus zu einer der beliebtesten Sängerinnen ihrer Zeit.

Jedes Ding hat zwei Seiten. Rita Streich wurde am 18.Dezember 1920 in Barnaul in der Nähe von Nowosibirsk geboren. Noch während ihrer Kindheit zog die Familie nach Deutschland. Der Vater wiederum landete bald nach Kriegsausbruch in sowjetischer Gefangenschaft und wurde in Sibirien interniert. Soweit war es eine typischen Biographie dieser Jahre, mit allem Leid und Bangen. Auf der anderen Seite hatte Streich aber auch eine besondere Sensibilität für den Umgang mit Sprachen mitbekommen, der ihr während der Bühnenkarriere sehr zu Nutzen kommen sollte. Sie konnte Rimski-Korsakow überzeugend im russischen Original singen und fand sich ebenso mühelos in der italienischen und französischen Sprache zurecht. Ihr Repertoire wuchs über die Jahre hinweg zu einem enorm vielseitigen Fundus unterschiedlicher Rollen an, die von heiteren Partien aus frühen Mozartopern bis hin zu nachdenklichen Liedern von Strauss und Milhaud reichten und auch vor Volksliedern nicht Halt machten. Zu ihrer Sprachbegabung und immensen Musikalität kam außerdem eine hervorragende Ausbildung, die zum rechten Zeitpunkt die Qualitäten von Streichs Stimme zu fördern verstand. Sie studiert in Berlin bei Willy Domgraf-Fassbaender (dem Vater von Brigitte Fassbaender), bei Maria Ivogün und Erna Berger (als deren Nachfolgerin sie zuweilen betrachtet wurde). Dieses hervorragende Gespann von Pädagogen förderte die Reinheit und Brillanz der Linienführung, der Artikulation und Diktion, die Streich schließlich berühmt machen sollte.

Zunächst aber hieß es sich durchzuschlagen. Die junge Sopranistin debütierte noch während des Krieges am Stadttheater von Aussig in Böhmen als Zerbinetta in Richard Strauss' "Ariadne auf Naxos". Drei Jahre später wechselte sie nach Berlin, bekam ein Engagement an der Staatsoper und war in den folgenden Spielzeiten als Olympia ("Hoffmanns Erzählungen", Offenbach) oder Blonde ("Die Entführung aus dem Serail", Mozart) zu erleben. Von da an ging es schnell mit der Karriere. Weiteren Rollen in Berlin folgten Angebote aus Bayreuth (1952), Wien (1953), Salzburg (1954). Im gleichen Jahr wurde sie nach Rom eingeladen, dann an die Scala, nach Covent Garden, Chicago, Aix-en-Provence, Glyndebourne. In den Fünfzigern galt sie bereits als Star und hatte sich von ihrer Zuordnung als mädchenhafte Soubrette zur umfassenden Koloratursopranistin gemausert. Es folgten Liederabende, schließlich auch Dozentenangebote. Von 1974 an unterrichtete sie an der Folkwang-Hochschule in Essen, während der Salzburger Festspiele gab sie Meisterklassen und von 1983 an bis kurz vor ihrem Tod 1987 leitete sie das Centre du Perfectionnement d'Art lyrique in Nizza.

Es wundert daher kau, dass auch die Zusammenstellung der Original Masters-Box ein umfangreiches Spektrum verschiedener Aspekte des Opern- und Liedgesangs abdeckt. Komplett zum Beispiel wurde Mozarts Einakter "Bastien et Bastienne" von 1955 in die Sammlung aufgenommen, außerdem Arien aus seinen Opern "Zaide", "Idomeneo", "Cosi fan tutte", "Die Entführung aus dem Serail", "Die Zauberflöte (mit einer berauschenden Königin der Nacht), "Die Hochzeit des Figaro" und "Don Giovanni". Die italienische Tradition wird mit Rossini, Donizetti, Bellini, Puccini und Verdi repräsentiert, die Barockoper mit Gluck, die französische mit Bizet, Massenet, Meyerbeer, Offenbach, Delibes (und dessen berühmter Glöckchenarie aus "Lakmé"). Schließlich sind da noch Rimski-Korsakow, Richard Strauss und zahlreiche Lieder aus verschiedenen Recitals, begleitet von Günther Weissenborn und Erik Werba. Alles in allem bieten die 8CDs der Sammlung nicht nur einen umfassenden Überblick über das Wirken einer großen Sängerin, sondern sind auch ein Schnellkurs durch die Geschichte der Vokalkunst. Da Streich sich in jeder der aufgenommenen Rollen hörbar wohl fühlte, ist die Original Masters-Box ein Sammlerstück und zugleich ein ausgezeichneter Einstieg in die Welt der schönen Stimmen.