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05.03.2004

Mikhail trifft Robert

Michail Vasil’evič Pletnëv, Mikhail trifft Robert

Schumanns Klavierwerke haben sehr unterschiedliche Schwierigkeitsgrade. Während Salonstücke wie die "Arabeske" auch von fleißigen Laien bewältigt werden können, muss man für die "Symphonischen Etüden" oder die "Fantasie in C-Dur, op.17" schon viele Register technischen Könnens ziehen, um nicht nach den ersten paar Zeilen zu verzweifeln. Musikalisch zehren sie alle vom Genie eines manischen Melancholikers, dessen gestalterischer Vielfalt sich der russische Pianist Mikhail Pletnev mit einem eigenen Schumann-Recital annimmt.

Vor zwanzig Jahren haben jungen Männer, die auf Brautschau waren, ihren Angebeteten Kassetten bespielt, heute brennen sie wahrscheinlich CDs oder DVDs, um mit Musik um die Gunst der Frau zu buhlen. Robert Schumann konnte zu seiner Zeit einen noch wesentlich eleganteren Weg wählen. Da der Vater Friedrich Wieck mit allen Mitteln versuchte, die Liaison seiner Tochter Clara mit dem unsteten und wankelmütigen Komponisten zu verhindern, machte der verliebte, nicht mehr ganz junge Mann, was er am besten konnte: er schrieb eine Klavierfantasie für seine Clara. Die Anstrengungen verfehlten nicht ihre Wirkung. Am 23. Mai 1839 bekam Schumann einen Brief von seiner Geliebten, in dem er lesen konnte: "Gestern habe ich Deine wunderherrliche Fantasie erhalten. Ich bin noch heute halb krank vor Entzücken". Ein gutes Jahr später heirateten sie, der Bann des Vaters war gebrochen. Und der Nachwelt war ein berauschendes Klavierstück voller Anspielungen auf die großen Vorbilder von Beethoven bis Schubert geschenkt worden, das zu den gefühlsstärksten des Komponisten zählt. "Durchaus fantastisch und leidenschaftlich vorzutragen" schrieb er über den ersten Satz und leitete den Interpreten durch einen wild romantischen Klangkosmos von triumphal bewegt bis hin zu zärtlich lyrisch, der nebenbei durch seine ungewöhnliche Satzgliederung die traditionelle Sonatengliederung auf den Kopf stellte.

 

Für Mikhail Pletnev ist die "Fantasie in C-Dur op.17" ein Übergangstück zwischen den theoretisch orientierten und technisch vertrackten "Symphonischen Etüden" und den populären "Bunten Blättern op.99" und der "Arabeske op.18". Da ist auf der einen Seite das Bravourstück für jeden Pianisten, dessen ursprünglicher Titel "Etüden im Orchestercharakter für Pianoforte von Florestan und Eusebius" (1837) den tieferen Sinn der Komposition herausstrich, die Übertragung der Möglichkeiten eines Orchesters auf ein einzelnes Klavier. Ausgeführt am Kontrast der beiden als Kunstfiguren verstandenen Grundprinzipien des Ausdrucks der Extrovertiertheit (Florestan) und der Innerlichkeit (Eusebius), entwickelte Schumann ein vielschichtig angelegtes Spektrum pianistischer Darstellungstechniken, das er im Laufe der Jahre noch mehrfach überarbeitete und verfeinerte. Pletnev wählte für seine Version eine Kombination verschiedener Fassungen, die 1837, 1852 und posthum 1873 erschienen waren, und ihm aus heutiger Perspektive in der Abfolge am schlüssigsten erschienen. Aufgenommen im August 2003 in den Berliner Teldex-Studios entstand ein weit gefächertes Schumann-Programm, mal leidenschaftlich eruptiv, mal somnambul rätselhaft, das in der Gegenüberstellung der Gefühlsmomente des Komponisten dessen Genialität auf ebenso analytische wie ehrliche Weise spüren lässt. Und natürlich großartig feinschattiert vorgetragen wird.