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05.03.2004

Kunst ohne Allüren

Kunst ohne Allüren

Paul Hindemith war unzufrieden. Nur in seltenen Fällen gefiel es ihm, was andere Dirigenten aus seinen Werken machten. Da wurde Bombast generiert und Schwulst produziert, der sich am Ego der Maestros, aber kaum an den Werken selbst orientierte. Insofern war es ein Glücksfall, dass ihm die Deutsche Grammophon 1953 anbot, sich mit den Berliner Philharmonikern selbst vor die Mikrofone zu stellen. Denn endlich konnte er die Musik nach seinen Vorstellung präsentieren.

Hindemith wäre von den Möglichkeiten fasziniert gewesen, die die moderne Aufnahme- und Wiedergabetechnik nur wenige Jahrzehnte später entwickelte. Denn er war Perfektionist. Sein Anspruch folgte einer möglichst genauen Umsetzung der Partitur, einer Art Direktübertragung von der Intention des Autors zum Ohr des Hörers. Dem entsprach sein Dirigierstil. Hindemith verschwand quasi im Orchester. Als Primus inter pares löste er seine Führungsrolle von der Position am Pult ab und agierte gleichberechtigt mit den Musikern. Das Individuum als selbstdarstellendes Künstler-Ego hatte bei ihm nichts verloren, die Bestrebungen sollten ausschließlich der optimalen Verwandlung des Notentextes in Klang dienen. Damit widerstand er der Selbstdarstellung der Pultstars seiner Zeit so sehr, dass selbst die Rezensenten es lobend erwähnten. Da konnte man lesen: "Die Vorgänge auf dem Podium haben nichts Feierliches, nichts Sensationelles, im Gegenteil: Der mittelgroße untersetzte Mann mit dem mächtigen Schädel, der da vor seinen Musikern mit selbstverständlicher Nonchalance agiert, wirkt wie einer der ihren. Rund und elastisch sind seine Bewegungen, der ganze Körper ist locker, die fast tänzerische Agilität seiner Erscheinung überträgt sich auf das Orchester:"

Die Aufnahmen für die Grammophon entstanden zwischen 1954 und 1957. Es war eine Mischung aus ein paar Vorlieben der Plattenfirma und großer Freiheit für den Komponisten und Dirigenten, seine Wunschprojekte zu verwirklichen. Zunächst sollten die "Symphonischen Tänze", die Symphonie "Mathis, der Maler", die Variationen für Klavier und Streichorchester "Die vier Temperamente" und die "Symphonischen Metamorphosen über Themen von Carl Maria von Weber" festgehalten werden. Er selbst wünschte sich eine weitere Symphonie - "Die Harmonie der Welt" - und so entstanden die ersten Aufnahmepläne. Hindemith machte sich an die Arbeit, probte ausführlich die zum Teil herausfordernd komplexen Streicherpassagen mit dem Orchester. Im März 1954 fanden sich die Beteiligten in der Berliner Jesus-Christus-Kirche ein und so wurden die "Tänze", die genau genommen ebenfalls eine Symphonie darstellten, und die "Harmonie" festgehalten. Weiter sollte es im Februar 1955 gehen, aber der Tod Wilhelm Furtwänglers und die sich daran anschließende Umbesetzung an der Spitze der Berliner Philharmoniker sorgten für Terminprobleme.

Hindemith wurde mehrfach vertröstet und daraufhin zunehmend verärgert. So konnten die "vier Temperamente" und die "Metamorphosen" erst im Oktober des Jahres festgehalten werden, die übrigen vier Werke "Mathis, der Maler", "Konzertmusik op.49", "Konzert für Orchester op. 38" und die "Ballett-Ouvertüre 'Amor und Psyche'" sogar erst im Oktober 1957. Den Vertrag verlängerte Hindemith nicht, die Einspielungen aber realisierte er mit der größtmöglichen Sorgfalt. Und so ist die Original-Masters-Box "Hindemith Conducts Hindemith - The Complete Recordings On Deutsche Grammophon", die einen großen Teil der Aufnahmen zum ersten Mal auf CD zugänglich macht, eine spannende Editionsleistung, die den mittleren und späten Komponisten zu verstehen hilft. Denn die angestrebte Klarheit der Interpretation, die ernsthaft nüchterne Umsetzung wird den Werken in erhoffter Genauigkeit gerecht. Eine kleine und feine Einführung in Hindemiths Denk- und Klangwelten, die er selbst noch mit einem Interviewstatement als Bonus abrundet.