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27.02.2004

Der Universalist

Der Universalist

Igor Markevitch ist ein gutes Beispiel dafür, wie gezielte Talentförderung zu Ergebnissen führen kann, die noch weit über das erwartete Resultat hinausreichen. Der französische Dirigent und Komponist ukrainischer Herkunft gehört zu den vielseitigsten Künstlerpersönlichkeiten des vergangenen Jahrhunderts und hat nicht nur am Pult, sondern auch als Pädagoge deutliche Spuren im Musikleben hinterlassen. Die Original Masters-Edition widmet ihm nun eine Box mit umfassendem Repertoire, das in vielen Fällen zum ersten Mal auf CD zugänglich gemacht wird.

Zum Glück hatte Igor Markevitch verständnisvolle Eltern. Im Juli 1912 in Kiew geboren, zieht er zunächst mit der Familie in die Schweiz. Er erhält früh Klavierunterricht, tritt mit acht Jahren bereits mit einem Chopin-Programm auf und wird bei einer dieser Gelegenheiten von Alfred Cortot gehört. Der wiederum erkennt das Talent des Jungen, überredet 1926 die Eltern, nach Paris zu ziehen, um dem kleinen Igor die bestmögliche Ausbildung angedeihen zu lassen. Cortot nimmt ihn in seine eigene Klasse auf und auch sonst wird er nur von den Besten unterrichtet. Bei Nadia Boulanger lernt er Komposition, bei Hermann Scherchen Orchesterleitung und bei Vittorio Rieti Orchestrierung. Markevitch bewährt sich und wird mit Aufträgen bedacht. Für Sergej Diaghilew schreibt er 1929 sein erstes Ballett ("L'Habit du roi"), im Jahr darauf gibt er sein Debüt mit dem Concertgebouw Orchester. Bis zum Ausbruch des zweiten Weltkriegs arbeitet er hauptsächlich als Komponist, landet aber dann auf der Flucht zunächst in Florenz, dann in der Widerstandsbewegung gegen Mussolini. Nachdem schließlich die Alliierten in der Toskana einmarschiert waren und den Krieg in Italien für sich entschieden hatten, wird er damit beauftragt, das dahinsiechende Musikleben der Stadt zu reorganisieren.

Damit beginnt Markevichs zweite Karriere als Dirigent. Er kümmert sich um den Maggio Musicale Fiorentino, leitet Opern, dann verschiedenste Orchester und schafft es souverän, seinen eigenen Stil zu etablieren. Es mag daran liegen, dass er als Komponist einen besonderen Zugang zur Strukturierung von Musik hat, aber auch daran, dass er genaue Vorstellungen davon entwickelt, wie etwas klingen soll - jedenfalls schafft er es schnell, jedes Orchester auf seine Ideen einzuschwören. Sein Ensembleklang ist klar und transparent, energisch und intensiv, zugleich von beeindruckender Dramatik. Wenn er etwa einen Debussy angeht, dann klingt "La Mer" schon mal wie ein expressionistisch wildes Experiment und nicht nach einem pointilistischen Stimmungsbild. Markevich arbeitet im Laufe der Jahre mit zahlreichen Spitzenensembles, von den Berliner Philharmonikern und der Staatlichen Sowjetischen Symphonieorchester bis hin zur den von ihm sehr geschätzten Symphony of the Air und dem Orchestre Lamoureux.

Und er engagiert sich nachhaltig als Pädagoge. Seinen Sommerkursen am Salzburger Mozarteum (1949-56) folgen weitere Engagements in Moskau, Mexiko City, Madrid, Monte Carlo und Weimar. Er leitet Orchester in Stockholm (1952-55), Paris (1957-61), Havanna (1957/58), Montreal (1958-61), wird Chef des spanischen Rundfunk-Symphonieorchesters (1965-72), des Opernochesters von Monte Carlo (1968-73), schließlich des Orchesters des Accademia Nationale di Santa Cecilia in Rom (bis 1975). Markevitch dirigiert trotz zunehmender Taubheit bis ins hohe Alter und im März 1983 stirbt er als eine der angesehensten Gestalten des zeitgenössischen Musiklebens im französischen Antibes. Die Original Masters-Box "Un véritable Artiste" kann daher einen Künstler präsentieren, der von Mozart bis Kodály und Beethoven bis Bizet ein immenses Spektrum an großartigen Einspielungen für die Deutsche Grammophon und die Philips hinterlassen hat. Immerhin 18 Stücke der auf 9 Tonträgern ausführlich gestalteten Retrospektive erscheinen dabei zum ersten Mal auf CD, eine Fundgrube für alle Fans und begeisterte Neueinsteiger in Markevitchs Klangwelt.