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27.02.2004

Orgel für alle

Orgel für alle

Pierre Cochereau hatte eine missionarische Ader. Er wollte seine Begeisterung für die Kirchenorgel an möglichst viele Menschen weitergeben. Daher spielte er nicht nur jeden Sonntag an seinem Stamminstrument in der Notre-Dame von Paris, sondern brachte mindestens 2000 Konzerte und 25 USA-Tourneen hinter sich. Er war einer der wichtigsten Meister seines Instrumentes im vergangenen Jahrhundert, der in einer zunehmend säkularen Zeit die Türen nach vorne öffnete.

Improvisation wird in der klassischen Klangwelt zumeist mit Skepsis betrachtet. Denn sie ist ein Unsicherheitsfaktor. Man kann sie nicht lernen, nicht von Noten ablesen. Sie erfordert eine hohe formale Abstraktionsfähigkeit bei gleichzeitig wachem Geist, der Inspirationen als solche erkennt und in eine kreative Musizierweise überführt. Insofern war Pierre Cochereau etwas Besonderes. Denn er konnte improvisieren, indem er zum einen die klassischen Ausdrucksgrenzen hinter sich ließ, sich aber gestalterisch trotzdem an ihren Vorgaben orientierte. Seine Einfälle hatten nichts mit Jazz zu tun und waren trotzdem frei, entfernten sich souverän von den Spielgewohnheiten seines Instruments und blieben zugleich dessen Ausdruckskanon verpflichtet (was sich bei musikwissenschaftlich fundierten Analysen späterer Transkriptionen herausstellte). Er beherrschte die Kunst der Komprovisation, eine der zeitgenössischen Klangraumgestaltung entlehnte Kunst der spontanen Erstellung von Strukturen. Und er führte seine Kunst am liebsten am Beispiel nachvollziehbarer Melodien vor, die dem Publikum die Möglichkeit ließen, seinen Ideen zu folgen.

Dabei führte ihn seine musikalische Laufbahn vergleichsweise schnell zu ehrwürdigen Instrumenten. Im Juli 1924 in Saint-Mandé geboren bekam er als Kind zunächst Klavier-, dann Orgelunterricht. Mit zwanzig ging es an Pariser Konservatorium, obwohl er seit zwei Jahren an der Kirche Saint-Roch die große Orgel bediente. Bereits 1950 wurde er zum Direktor des Konservatoriums von Mans ernannt. 1955 schließlich ging sein Traum in Erfüllung: Cochereau trat die Nachfolge von Louis Vierne und Léonce de Saint-Martin an der großen Orgel von Notre-Dame in Paris an. In den Folgejahren konzentrierte er sich auf seine Arbeit auf der Ile de la Cité und die zahlreichen Konzertreisen um die Welt. Seine Erfahrung und Professionalität sorgten dafür, dass ihm 1962 die Leitung des Konservatoriums von Nizza und 1980 die des Konservatoriums in Lyon angetragen wurde. So schafft es Cochereau in vielen Funktionen, vor allem aber als Organist in die Annalen der Musikgeschichte einzugehen.

Seine kompositorische Arbeit trat dabei ein wenig in den Hintergrund, zumal sie durch Begriffe wie "Improvisation" für die Zeitgenossen ein wenig irritierend wirkte. Dabei wären die Vorbehalte gar nicht nötig, denn seine Werke bleiben im tonalen, verständlichen Rahmen und spielen vor allem mit den Klangmöglichkeiten seines phänomenalen Instruments. Im Jahr 1970 wurden zum Beispiel "Improvisations sur 'Alouette, gentille alouette'" und "Suite à la française sur des thèmes populaires" aufgenommen. Beide Werke gehen von bekannten Melodien aus, das eine von einem Kinderlied, das in neun Durchläufen variiert wird, das andere von sechs Volksliedern und Schlagern, die in der Form einer französischen Suite präsentiert werden. Beide Stücke zeugen von beeindruckender musikalischer Eloquenz und einem profunden Wissen über die passenden Effekte, die eine große Orgel ohne übertriebene Rhetorik erzielen kann. Sein "Boléro sur un thème de Charles Racquet" entstand 1973 vor Mikrofonen zusammen mit den Schlagwerkern Michel Gastaud und Michel Cals. Hier jongliert er in Ansätzen ironisch mit den seit Ravel populären Spannungsabläufen, ohne sie aber grundlegend in Frage zu stellen. So ist "Cochereau joue Cochereau" ein Album für Hörverwöhnte, die sich nicht nur am Klang einer gigantischen Orgel berauschen wollen, sondern auch den Blick über den Tellerrand des regulären Repertoires schätzen.