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30.01.2004

Warten als Prinzip

Warten als Prinzip

Die Situation ist von Anfang an verfahren. Tristan hat im Freiheitskampf gegen Irland Isoldes Verlobten Morold getötet und ihr zu allem Übel auch noch dessen Kopf gesandt. Er selbst wiederum ist aber so verwundet, dass er die Zauberkräfte der Heilerin Isolde braucht. Tatsächlich kuriert sie ihn, wider alle Rachegefühle, und verliebt sich sogar. Ihm aber ist das peinlich und deshalb trägt er Isolde seinem Onkel König Marke als Braut an. Nun soll er sie abholen und das Verhängnis nimmt seinen Lauf.

Über Libretti kann man streiten. Sicher hätte Richard Wagner einen weniger verwickelten Stoff wählen können, um eine der Grundaussagen des menschlichen Daseins, die Unsterblichkeit der Liebe, musikalisch zu formulieren. Auf der anderen Seite hätte er dann aber kaum die unterschiedlichen quälenden Gefühlsschattierungen der Figuren in aller Ausführlichkeit vorstellen können. Man darf nicht vergessen, dass in der Zeit der Entstehung von "Tristan und Isolde" in den frühen 1860er Jahren Psychologisierendes in der Luft lag. Und so passte es gut, dass Wagner seine Protagonisten und deren Beisteher durch alle Höllenqualen der Seelenlagen schickte. Denn genau genommen geht es während der gesamte Oper um eine der schwierigsten Tugenden, die sich der Mensch anerziehen muss: um das Warten. Zunächst wartet Isolde zweimal auf Tristan. Dann warten beide auf den Tod und das höhere Leben danach. Da sich das noch nicht einstellen will und Tristan wieder schwer verletzt in Bewusstlosigkeit verharrt, wartet Kurwenal darauf, dass sein Herr erwacht. Nachdem das geschehen ist, wartet Tristan wiederum auf Isolde, stirbt in ihren Armen, woraufhin Isolde zum finalen Warten ansetzt, dem verzückt entrückten Liebestod. Das Ganze wird in eine nach heutigen Maßstäben absurd anmutende Personenkonstellation integriert, die aus lauter in sich gefangenen Figuren besteht. Die Öffnung nach außen findet zum einen über die Musik statt, zum anderen über die Idealisierung des Todes - auch das ganz der Zeitgeist der seit der schwarzen Romantik in Mode genommenen Letztwerterfahrung durch Extremsituationen.

Für die Inszenierung des "Tristan" bedeutet das eine enorme Herausforderung. Soll man sich an eine mittelalterlich inspirierte Geschichtlichkeit wagen und die Szenerie pittoresk gestalten, oder sich, wie von Wieland Wagner vorgegeben, auf die Seelendramen der Figuren und damit letztlich auf die Worte konzentrieren, die ihre Qual abbilden? Für Dieter Dorn war die Entscheidung klar. Als er 1999 die Oper an der Met neu inszenierte, wählte er die Mitte und positionierte die Protagonisten in ein Wechselspiel von karger Bühnenästhetik, japanesken Kostümanspielungen und bedeutungsvollen Ausstattungsdetails wie im Dritten Aufzug, wenn er Tristans längst vergangene Ritterzeit qua Spielzeugsoldaten wieder aufleben lässt. Seine Räume entstehen durch Brüche der Kontinuität - Falltüren, Schiffsmast ohne Schiff, eine Burg, die ein Altar ist etc. - und vor allem durch eine effiziente Lichtregie, die die kahle Fläche des Hintergrunds bedeutungsvoll füllt. Es ist eine mit Jürgen Roses gemeinsam entwickelte Architektur, deren Prinzip Dorn bereits in seinen Inszenierungen für die Münchner Kammerspiele erprobt hat und nun im Großen weiterführt.

Die Figuren wiederum sind eindrucksvoll ausgewählt. Denn alle fünf Hauptdarsteller sind mit den besten Stimmen ihrer Generation besetzt. Den Tristan singt der kanadische Tenor Ben Heppner, die Isolde die englische Sopranistin Jane Eaglen. König Marke wird von René Pape dargestellt, Kurnewal von Hans-Joachim Ketelsen und Brangäne schließlich von Katharina Dalayman. Am Pult steht James Levine und so entstehen Aufführungen, von denen selbst die anspruchsvolle Kritik nur schwärmen kann. So konnte man in der New York Times lesen: "Die Opernwelt hat ihnen neuen Tristan und ihre neue Isolde gefunden und ich bin nicht sicher, ob wir jemals bessere hatten. Jane Eaglen hat sich in den letzten Jahren als mutige, wohlgerüstete Kriegerin auf dem Feld der Wagneropern erwiesen, doch am vergangenen Montag wuchs sie über sich hinaus. [...] Ben Heppners herrlicher Tenor bewältigt mühelos die leiseren Passagen dieser gewaltigen Partie und durchdringt bei den leidenschaftlichen Höhepunkten strahlend das Wagner-Orchester. [...] Die andere Hauptrollen sind hervorragend besetzt: Katarina Dalayman ist mit ihrem warmem Ton eine leidenschaftliche Brangäne, René Pape überzeugt als ausgesprochen kraftvoller König Marke. [...] Die Seele von Tristan und Isolde ist das Orchester und James Levine arbeitet mit behutsamen, geduldigen Steigerungen. Der Klang war wundervoll". Diese außergewöhnliche Inszenierung ist nun in einer Aufzeichnung vom Dezember 1999 auf einer Doppel-DVD erhältlich. Ein Schmuckstück in jeder Opernsammlung.