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30.01.2004
Claudio Abbado

Heiter bis wolkig

Claudio Abbado, Heiter bis wolkig

Für Johannes Brahms war es eine doppeldeutige Geschichte. Sicher, an der Oberfläche wirkte seine zweite Symphonie deutlich fröhlicher als die im vorangegangenen Jahre abgeschlossene, finsteren Seelenlagen entrungene Vorgängerin in c-moll. Wahrscheinlich wurde sie deshalb populär und von den Zeitgenossen mit Attributen wie "heiter-pastoral" und "unbeschwert" bedacht. Doch der Schein trügt, denn in den Tiefenschichten der Gestaltung folgt sie der gleichen klaren Logik und Dichte wie die anderen symphonischen Werke. Man muss die Feinheiten nur wie Claudio Abbado herausarbeiten können.

Brahms selbst nannte sie "das neue liebliche Ungeheurer". Im Frühherbst 1877 hatte er die Partitur im Kärntnerischen Pörtschach vollendet und Ende Dezember desselben Jahres wurde sie in Wien erfolgreich uraufgeführt. Seitdem ist die "Symphonie D-dur op.73" das beim Publikum beliebteste großorchestrale Werk von Brahms und wurde auch von den beiden Nachfolger-Oeuvres von 1883 und 1884/85 in dieser Position nicht mehr abgelöst. Sie markiert den Anfang seiner zweiten großen Schaffensphase, nun nicht mehr inhaltlich und gedanklich an Beethoven orientiert, sondern eindeutig in einer eigenen, kammermusikalisch orientierten Tonsprache formuliert. In Werken wie der zweiten Symphonie entwickelte sich die differenzierte Ausdrucksform, die für zahlreiche folgenden Komponisten als Grundlage moderne Klangraumgestaltung galt. Arnold Schönberg etwa sah in Brahms eines seiner wichtigen Vorbilder, das deutlich zur Herausbildung der eigenen künstlerischen Ideen beitrug. Bei Webern findet man ähnlich Äußerungen und selbst das spöttische Diktum von Hugo Wolf, Brahms verstehe sich "ganz wie der liebe Gott auf das Kunststück, aus nichts etwas zu machen" ist weniger Ironie, als vielmehr unterschwellige Bewunderung für einen großen Komponisten.

 

Hier treffen sich auch die Verbindungslinien zu Claudio Abbado, dem 1988 gemeinsam mit den Berliner Philharmonikern eine Referenz-Einspielung des Brahmsschen Werkes gelang. Zum damaligen Zeitpunkt war der Mailänder Maestro noch Generalmusikdirektor der Stadt Wien, hatte aber bereits häufig mit den Kollegen von der Spree gearbeitet. Und er hat die Gabe, aus einer nüchternen Partitur über ausgiebige Arbeit mit den Ensembles eine herausragende musikalische Momente zu gestalten. In diesem Fall gelang ihm eine Feindifferenzierung des Orchesterklangs, vor allem in den dynamischen Wechseln und den subtilen, von Brahms bereits klar strukturiert vorgegebenen Linienführungen. Die Symphonie bekam auf diese Weise Kraft, Dramatik, ohne aber die Leichtigkeit der Oberfläche zu verlieren. Schon deshalb stellte Abbado der Aufnahme noch die "Rhapsodie op. 53" voran, die anhand von drei Strophen aus Goethes "Harzreise im Winter" die tiefen und enttäuschten Leidenschaften eines in seiner Liebe verschmähten Mannes anspricht. Die Forschung behauptet zuweilen, das Werk wäre im Anschluss an die Nachricht entstanden, das die von ihm insgeheim verehrte Tochter Julie seiner früheren Muse Clara Schumann sich verlobt habe. Jedenfalls leidet der Protagonist in Form einer Alt-Stimme aus vollem Herzen und Brahms hat schon beinahe Wagnereske Klänge um den vokalen Kern gebaut. Für Abbado ist es ein klarer Kontrast zu den opulenten Klängen der zweiten Symphonie, den er als solchen an den Beginn eines Programms stellen kann - und der die CD zu einem kompakten, in sich geschlossenen Musikerlebnis abrundet.

 

Die Referenz:

 

"Grundsätzlich handelt es sich um eine höchst zufriedenstellende, sehr gut aufgenommene Einspielung der Symphonie." (The Grammophone)

 

Näheres zur Referenz-Reihe unter http://www.referenzaufnahmen.de