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22.01.2004

König der Salons

König der Salons

Ernico Caruso hat seine Lieder gesungen, ebenso Nellie Melba, Luisa Tetrazzini und Mattia Battistini. Denn Francesco Paolo Tosti war der König der Londoner Salons, ein neapolitanischer Gentleman mit dem Gespür für die richtige Dosis Gefühl an der passenden Stelle. Seine Kompositionen waren die Hits des Fin-de-Siècle und verschwanden mit dem Untergang der alten Zeit in der Versenkung der Kulturgeschichte. Jetzt hat Ben Heppner sie für "Ideale" wiederentdeckt.

Man stelle sich vor: Eine Zeit ohne Radio, Film, Fernsehen. Ohne Massenmedien der Zerstreuung, aber mit wachsendem Bedürfnis, unterhalten zu werden. Eine Zeit der Widersprüche, die das im Eiltempo zu Geld gekommene Bürgertum der Industrialisierung in verschiedensten Ventilen abzureagieren versucht. In Fortschritt und Bildung, Forschung und Entdeckungen, Überheblichkeit und Ideologien. Letztendlich im großen Knall des Ersten Weltkrieges, der Niederlage des menschlichen Geistes. In dieser Ära des diffusen Aufbruchs wurde Francesco Paolo Tosti 1846 im Küstenort Ortona nördlich von Neapel geboren. Sein Vater war Getreidehändler, ein Mann der Tradition, der es seinem Sohn ermöglichen konnte, am ortsansässigen Konservatorium San Pietro a Maiella zu studieren. Tosti wurde von dem Opernkomponisten Saverio Mercadante unterrichtet und er bewährte sich als Sänger und Pianist. Kaum fertig mit seiner Ausbildung, wurde er bereits zum Chorleiter der Kathedrale von Ortona berufen. Doch es hielt ihn dort nur drei Jahre. Die Metropole Rom lockte mit kultureller Vielfalt. Tosti zog um 1870 in die große Stadt, kam auch dort glänzend an und wurde nach seinem öffentlichen Debüt gleich zum Gesangslehrer der Prinzessin Margherita von Savoyen ernannt.

Der Eintritt in erlauchte Kreise bedeutete die Freiheit, sich weiter umsehen zu können. Tosti reiste nach London, war begeistert von der englischen Königstadt und beschloss 1880, dorthin zu ziehen. Wieder gelang es ihm scheinbar mühelos, in der Hautevolee unterzukommen. Er wurde zum Gesangslehrer der jüngeren Kinder Königin Viktorias ernannt und brachte zugleich seine Kenntnisse und Fähigkeiten an Bühnen wie Covent Garden an den Mann. Er komponierte mit enormem Schaffensdrang rund 400 Lieder, die sich nahezu ausschließlich mit Liebe und Leidenschaften befassten. Und da er sie günstig und wirkungsvoll setzte - keine zu hohen Töne, kaum virtuose, dafür innigliche Passagen - wurden sie zu Schlagern der Profi- und Amateurszene Englands und er selbst war gern gesehener Gast auf den Soirées und in den Salons seiner Epoche. Als sich schließlich deren Ende am Firmament abzeichnete, starb auch Tosti, im Jahr 1916, zurück in Rom.

Für Ben Heppner war das Werk des Gentlemans aus Neapel genau der Stoff, den der brauchte, um nach seiner künstlerischen und gesundheitlichen Pause von mehreren Monaten wieder auf die Bühne und vor die Mikrofone zu treten. Nachdem er aus der Menge der Materialien 19 Arien in italienischer, englischer und französischer Sprache ausgesucht hatte, begab er sich im Dezember 2002 in ein Londoner Studio und nahm zusammen mit einer Auswahl der Londoner Symphoniker Tostis Albumblätter der bürgerlichen Moderne auf. Es wurden wunderbar gefühlsbetonte Erinnerungen an eine Epoche, in der die Welt der Leidenschaften an der Oberfläche noch in Ordnung schien. Zumindest, wenn der Mann aus Ortona sie in Musik fasste.