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09.01.2004

Sinn und Sinnlichkeit

Sinn und Sinnlichkeit

Der "Tannhäuser" war für manchen Skandal gut. Denn Richard Wagners sinnliche Begeisterung für seinen Stoff während des Schaffensprozesse ließ sich nicht ohne Reibungen in die prüde Bühnenkultur der Bürgerlichkeit übertragen. Was da so am Venusberg passierte oder auch auf der Wartburg besungen wurde, war reichlich schwül und provozierte, auch wenn die beiden Protagonisten am Ende für ihre lüsternen Gedanken bestraft werden. Trotzdem oder gerade wegen dieser Widersprüche hielt der Komponist den "Tannhäuser" für eines seiner Schlüsselwerke.

Einige Jahre nachdem die erste Fassung der Oper geschrieben und in Dresden uraufgeführt worden war, meinte Wagner. "Es war eine verzehrend üppige Erregtheit, die mir Blut und Nerven in fiebernder Wallung erhielt, als ich die Musik des 'Tannhäusers' entwarf und ausführte". Und dieses besondere Verhältnis zu seinem Werk hielt bis zuletzt an. Noch wenige Wochen vor seinem Tod im Januar 1883 meinte er Cosima gegenüber, er sei der Welt noch einen "Tannhäuser" schuldig, den er "als Drama vollendet ansieht und auch wieder nicht, weil in der Musik ihm einiges zu wenig ausgeführt dünkt." Genau genommen arbeitete Wagner über vier Jahrzehnte hinweg stetig an der Perfektionierung seiner Oper, realisierte zum Beispiel für die Pariser Aufführung, die am 13. März 1861 auf Geheiß von Napoleon III stattfand, in indirekter Anknüpfung an die Emphase des 1859 entstandenen "Tristan" die erste Szene auf dem Venusberg als großangelegte (für zeitgenössische Verhältnisse anzügliche) Pantomime. Das war selbst für die Pariser Opernschnösel im Publikum ein wenig heftig, führte zu Pamphleten und Ablehnung in der bürgerlichen Presse, aber auch zu begeisterten Elogen aus der Feder von Charles Baudelaire und den Jüngern des französischen Wagnérisme. Insgesamt gab es schließlich vier ausgedehnte Stadien der Bearbeitung: das Original (entstanden zwischen 1842 und 1845, uraufgeführt in Dresden am 19. Oktober 1845), eine von Meser herausgegebene Version (1860, mit Änderungen, die zwischen 1847 und 1852 entstanden), die Pariser Fassung (1861) und die autorisierte Wiener Variante (1875, vollständig veröffentlicht posthum 1888).

Es ist vielleicht ein wenig hoch gegriffen, den "Tannhäuser" angesichts dieser Werkgeschichte als Schüsseloeuvre zu bezeichnen. Trotzdem hat er Elemente des gesamten Wagnerschen Schaffen in sich und ist daher besonders reizvoll zu inszenieren. Mit opulenter Besetzung und erfahrener Leitung wurde er 1988 in der Londoner Watford Town Hall aufgeführt und für die Nachwelt festgehalten. Am Pult strand Giuseppe Sinopoli, der bereits Mitte der Achtziger den "Tannhäuser" in Bayreuth dirigierte. Die Solisten konnten mit Placido Domingo (Tannhäuser), Cheryl Studer (Elisabeth) Anderas Schmidt (Wolfram von Eschenbach) und Matti Salminen (Hermann) ein Starangebot vorweisen, der Chor des Royal Opera House und das Philharmonia Orchestra tat sein Übriges, um die Aufführung ausgezeichnet zu Gehör zu bringen. So entstand eine Referenz-Aufnahme mit Kraft und Schmiss nach den Vorgaben der Pariser Fassung, von der Kritik und Publikum begeistert waren. Stellvertretend für den Rest konnte man in der Fachzeitschrift Audio (11/89) lesen: "Eine reife, immer wieder überwältigende Interpretation". Kein Wunder, bei diesen Voraussetzungen!

Die Referenz:

"...eine reife, immer wieder überwältigende Interpretation." (M. Santi in Audio 11/89)

Näheres zur Referenz-Reihe unter http://www.referenzaufnahmen.de