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19.12.2003

Außenseiter

Außenseiter

Es war eine Zeit, in der Komponisten noch auf Kritiker hörten. Als Sibelius' "Violinkonzert op. 47" am 8. Februar 1904 uraufgeführt wurde, war die Resonanz in Fachkreisen derart negativ, dass der Urheber das Stück umgehend zurückzog und ausführlich überarbeitete. Erst eineinhalb Jahre später lag dann die Version vor, die heute üblicherweise in den Konzertsälen erklingt - wenn sie es tut.

Jean Sibelius war beeindruckt. Das Desaster der Uraufführung schien sich nicht zu wiederholen, denn für die Neuaufnahme seines Violinkonzertes an der Berliner Singakademie hatte sich einiges an Prominenz ins Zeug geworfen. Den Solo-Part übernahm der tschechische Konzertmeister Karel Halir, die orchestrale Leitung hatte kein Geringerer als Richard Strauss inne. Die überarbeitete Version des Geigenwerkes wurde dann auch wesentlich freundlicher aufgenommen als die Premiere wenige Jahre zuvor, auch wenn der richtige Durchbruch nicht stattfand. Mag sein, dass Sibelius bereits zu sehr auf seine Rolle als finnischer Sinfoniker festgelegt war, mag auch sein, dass das Diktum, man könne nach Brahms kein Violinkonzert mehr schreiben, die tatsächliche Rezeption durch die Zeitgenossen hemmte. An den Interpreten jedenfalls kann es nicht gelegen haben. Schon in der Frühphase der Tonträgergeschichte nahmen sich grandiose Instrumentalisten wie Jascha Heifetz und Ginette Neveu dem leidenschaftlichen Werk an. Und die Komposition selbst kann auch nicht der Grund gewesen sein. Denn das Konzert hat alles, was man für einen Erfolg braucht: eine klare, klassische Form (Sonatenhauptsatz, dreiteilige Liedform, Sonaten-Rondo etc), die nötige virtuose Anlage, schließlich reichlich Passagen, die die Interpreten mit Gefühl und Ekstase füllen können. Genau genommen hätten die Zuhörer es lieben müssen. Warum es nicht passierte, ist ein Rätsel.

 

Auch für Anne-Sophie Mutter, die sich mit Verve und Passion dem verkannten Oeuvre angenommen hat. An Kompositionen der zeitgenössischen Moderne erprobt, kann sie dafür auf ein erstaunliches Instrumentarium ausgefeilter Ausdrucksmöglichkeiten zurückgreifen. Ganz gleich, ob es um spätromantische Ausgelassenheit, um Schönklang oder Leidenschaft, Aufblitzen wilder Tonkaskaden oder Introspektion und Verinnerlichung geht, mühelos meistert sie die interpretatorischen Hürden, die Sibelius - selbst ein guter Geiger übrigens - in das, in seinem Werkkomplex solitäre Konzert integriert hat. Gemeinsam mit André Previn am Pult und der Dresdner Staatskapelle, widmete sie sich im Mai 1995 in der Dresdner Lukaskirche darüber hinaus drei weiteren vernachlässigten Kompositionen. Denn auch die beiden "Serenaden" von 1912/13 und die "Humoresque" von 1917 gingen im Trubel einer bewegten Zeit unter und wurden lange Jahre von den Künstlern vergessen. Schon insofern sind die Aufnahmen der seltenen Orchester-Violinwerke von Sibelius eine Besonderheit. Mutter komplettiert damit ihre Einspielungen mit grundlegenden Geigenwerken der Moderne und schafft zugleich die Möglichkeit, missachtete Melodien eines großen Meisters der Emotionsgestaltung wieder zu entdecken.

 

Die Referenz:

 

"Dies ist eine der markantesten Einspielungen Anne-Sophie Mutters!" (W. Wendel in stereoplay 4/96)

 

Näheres zur Referenz-Reihe unter http://www.referenzaufnahmen.de