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11.12.2003

Liebe eins, Liebe zwei

Liebe eins, Liebe zwei

Nicht jeder hat die Möglichkeit, abends in die Met zu gehen. Die Technik hilft da weiter, denn in Zeiten brillanter Aufnahmemöglichkeiten kann ein Opernhaus ins Wohnzimmer geholt werden. In der Reihe großer Inszenierungen ist nun Jürgen Flimms Version von Beethovens "Fidelio", wie sie im Oktober 2000 an der New Yorker Metropolitan Opera gespielt wurde, auf DVD erschienen. Und wer es noch cineastischer mag, kann sich mit Petr Weigls filmisch-musikalischer Umsetzung von Frederick Delius "A Village Romeo and Juliet" vergnügen. Zwei Tipps nicht nur für den Gabentisch.

Beethovens "Fidelio" gehört nicht zu den viel gespielten Opern am New Yorker Metropolitan Opera House. Zum ersten Mal konnte man ihn dort 1839 hören, dann erst wieder in der Spielzeit 1884/85 und anno 1908, als sich Gustav Mahler höchstpersönlich des Werkes annahm. Es folgte anlässlich des 100sten Todestag des Komponisten eine Version unter Artur Bodansky (1927, Wiederaufnahmen von 1936 bis 1951), schließlich weitere Varianten 1959/60 und 1970. Allen Inszenierungen war gemein, dass der quasihistorische Schauplatz unangetastet blieb, zugleich aber großer Wert auf ausgezeichnete Besetzungen gelegt wurde. Der Theaterregisseur Jürgen Flimm nun setzte diese Tradition gemeinsam mit dem Bühnenbildner Robert Israel und der Kostümbildnerin Florence von Gerkan fort, verlegte das Geschehen allerdings optisch in die zweite Hälfte des 20.Jahrhunderts nach Amerika. Der Effekt dieser Modifikationen ist beeindruckend. Die Kerkerräume bekommen in ihrer finsteren Realitätsnähe eine bedrückende Atmosphäre, die Figuren wirken beinahe realistisch. Ben Heppner etwa spielt den Florestan nüchtern, ergreifend, von Hilflosigkeit gegenüber fremden Mächten gezeichnet. Karita Mattila wiederum ist als kurzhaarig burschikoser Fidelio eine gelungene Camouflagegestalt. René Pape wiederum stellt den Kerkermeister Rocco so überzeugend kleingeistig und spießig dar, dass er einem Stück von Beckett hätte entstiegen sein können. Hinzu kommt James Levine als souveräner Orchesterleiter, den seinen Hang zu opulentem Pathos in Beethovens Sinne domestiziert. Alles in allem also eine ausgezeichnete Aufführung, von den Kritik hochgelobt übrigens, die im vollen DTS 5.1 / Dolby Digital 5.1-Sound mit aller Schärfe und Wucht zur Geltung kommt.

Die DVD "A Village Romeo and Juliet" geht einen anderen Weg. Denn der Regisseur Petr Weigl hat sich nicht an eine Inszenierung auf der Bühne gehalten, sondern stellt die Gestalten des Melodrams in einen filmisch theatralischen Zusammenhang. Die Geschichte der unglücklichen Liebe von Vreli und Sali, die lieber gemeinsam in den Tod gehen, als sich der unsinnigen Feindschaft ihrer beiden Familien zu beugen, bekommt auf diese Weise einen realistischen Unterton, auch wenn die Figuren wie etwa bei der rätselhaften Erscheinung des schwarzen Geigers ihre fiktionale Herkunft nie ganz verleugnen. Als musikalische Grundlage dient die dritte Gesamteinspielung von Frederick Delius' beliebtester, zwischen 1898 und 1907 auf der Basis einer stark veränderten Geschichte des schweizer Dichters Gottfried Keller entstandenen Oper. Das ORF Symphonieorchester unter der Leitung von Sir Charles Mackerras rahmt die Solisten wie Helen Field (Vreli) und Arthur Davis (Sali), die im Film selbst von Dana Morovkova und Michal Dlouhy dargestellt werden. Zusammen mit dem Bonus-Track, einer ausführlichen Dokumentation mit dem Titel "Discovering Delius", die Leben und Werk des englischen Komponisten transparenter macht, ist auf diese Weise eine DVD entstanden, die auf charmante und informative Weise das Schaffen eines zu Unrecht nur noch kaum beachteten Zeitgenossen Richard Wagners wiedererinnert.