Klassik Newsletter

Sie wollen immer aktuell informiert sein? Unser Newsletterservice versorgt Sie wöchentlich mit allem zum Thema klassische Musik.

OK

Nichts verpassen

Nutzen Sie KlassikAkzente Online auch wenn Sie nicht auf unserer Seite sind:
Social Networks:

Artikel

21.11.2003

"Pase 4"

Pase 4

Leopold Stokowski (1882 - 1977) wurde geboren, als Wagner seinen Parsifal und Brahms sein zweites Klavierkonzert vollendete und arbeitete noch, als die Sex Pistols die Bühne des Musikgeschehens betraten.

Es ist schwer, sich diese Spanne in einem Gedanken zu vergegenwärtigen. Aber klar ist: Ein Dirigent, der in New York spontane Protestkonzerte gegen den Vietnamkrieg gab, ist ebenso einer "von uns" gewesen, wie ein junger Mann, der zur Jahrhundertwende 18 Jahre alt wurde, ein Mensch aus einer anderen Zeit war. Aufnahmentechniken, die den Klangperfektionisten Stokowski zufriedenstellten gab es erst am Ende seines langen Lebens, in der "goldenen" Ära des Stereoklanges. Die Möglichkeit, sein Kernrepertoire in bleibender Qualität aufzunehmen hat er, der schon 1925 die erste elektrische Aufnahme dirigierte, extensiv genutzt, zunächst mit RCA Victor, in seinen letzten beiden Lebensjahren mit CBS, die mit ihm im Alter von 94 Jahren einen Vertrag für sechs Jahre (!) schlossen, vor allem aber mit Decca/London, deren spektakuläres "Pase 4"-Aufnahmeverfahren vielleicht der klangliche Höhepunkt des Stereozeitalters war.

Was aber hört man in diesen Aufnahmen, klingen wirklich vergangene Zeiten in ihnen an, was "sagen" sie uns heute?

Zunächst einmal: Eine Stokowski-Aufnahme eines vertrauten Werkes zu hören kann ein Schock sein, und zwar im Positiven wie im Negativen! Zuerst erstaunt meist das massive Bassfundament (Stokowski begann, völlig unüblich, stets mit einer abwärtsgerichteten Bewegung zu dirigieren und betonte in allem die Wichtigkeit der Sonorität).

Dann erschlägt einen fast die Vielfalt der Orchesterfarben, die Streicher klingen reicher und lebendiger, als gewohnt (Stoki verlangte individuellen Bogenstrich), das Tempo wird frei variiert und folgt dem Ausdrucksbedarf der einzelnen Phrasen, Instrumente klingen nicht mehr nur nach sich selbst, sondern beziehen sich im Ausdruck subtil auf den des Vergangenen oder des Folgenden.

So entsteht ein enorm vitaler, direkt die Empfindsamkeit packender Klang, lyrisch zart und wuchtig monumental aufgefaßte Momente können in rascher Folge wechseln, ohne widersprüchlich zu wirken, weil hier jede Phrase neu und anders klingen darf, ja sogar muß, als die letzte.

Dieses Spiel auf der Klaviatur der Stimmungen schafft ein von Stokowski gelenktes Orchester, ohne daß Übergänge je kreischend oder abrupt daherkämen. Wohlgemerkt: das konnte auch furchtbar "in die Hose gehen", ist ihm oft genug passiert, 10 Minuten eines Sinfoniesatzes, keine zwei Takte im selben Tempo, alles klingt nach Notensalat, oder nach Hollywood-Klebstoff. Dieses Risiko ist Stokowski immer eingegangen. Aber auch das zu hören ist ein aufregendes Erlebnis im Zeitalter von Oberflächenglätte und orchestraler Einheitskost.

Man staunt also über all die ungewohnten Rubati und Crescendi, über Rallentandi und Accelerandi, die man so nicht kennt, aber irgendwann fällt einem vielleicht ein, daß Mahler einmal gesagt hat: "Alles steht in der Partitur, nur das Wesentliche nicht." Oder Furtwängler kommt einem in den Sinn mit jenem bekannten Ausspruch (auf die Frage eines Schülers): "Wieso wie schnell? Je nachdem, wie es klingt!"

Dem optimalen Klang war Stokowski immer auf der Spur, volles Risiko, ohne Regeln, die nicht verändert werden können, und Klang meint hier nicht "Sound", sondern das Lebendigwerden eines Musikstückes in all seiner Vielschichtigkeit, das eben nicht existiert, weil es in einer Partitur niedergeschrieben wurde, sondern nur wenn und während Musiker es nach-schaffen.

Stokowski verstand sich als solch einen nachschaffenden Künstler und nicht als Diener der Partitur und er steht damit in einer Tradition, jener romantischen Auffassung vom Musizieren, die Sergiu Celibidache einmal mit "deutsch" zu umschreiben versuchte und die mit Furtwängler in Europa zu Ende ging. Eine gewagte These?

Karajan hat einmal gesagt, er wäre auf Knien nach Bayreuth gerutscht, hätte er dort Hans Richter erleben können. Stokowski hat Richter in London viele Male gehört, seit er neun Jahre alt war und ihn später oft als prägenden Einfluß bezeichnet. Richter nahm sich gewaltige Freiheiten in Tempo und Phrasierung und das taten auch Nikisch und von Bülow, die beiden anderen Gottväter der romantischen Tradition. Sich diese Freiheiten zu nehmen ist aber kein Selbstzweck, sondern für den, der die Auffassung umsetzt, daß Musik nur dann entsteht, wenn ein Mensch sie aus eigenem, spontanen Erleben heraus nachschöpft eine schlichte Notwendigkeit. Das war Leopold Stokowskis Auffassung. Diese Herangehensweise war aber im kulturellen Musikkanon in Amerika spätestens ab 1950 passé, in Europa vielleicht etwas später. An ihre Stelle traten Toscaninis "Hindernisrennen mit dem Metronom" (Glenn Gould) und zeichengenaue Partiturtreue. Vor allem deshalb wurde Stokowski ab diesem Zeitpunkt bei aller Popularität mehr und mehr zu einer von der "ernsthaften" Kritik belächelten Figur.

Seine Showman-Qualitäten sind heute anerkannt und akzeptiert. Davon zeugt auch die Programmatik dieser Wiederveröffentlichung. Es ist alles da, wofür man ihn heutzutage guten Gewissens wieder schätzt, die Bach-Transkriptionen, sein Debussy, sein spektakuläres russisches Repertoire. Die Edition klingt großartig und wir können froh sein, sie zu haben.

Bedauerlicherweise vergessen ist aber nach wie vor, wie sehr die Tradition, in der er stand, ihn gerade befähigte, klassisches und romantisches Kernrepertoire zu interpretieren. Dieses Repertoire, Beethoven, Schubert, Brahms, Dvorak stand neben zeitgenössischer Musik im Zentrum seiner Arbeit, nicht seine Transkriptionen und Schaustücke, Konzertprogramme und Diskographien beweisen es.

So entstanden auch in "Phase 4"-Qualität Einspielungen von Beethovens 5., 7., und 9. Sinfonie, von Schuberts "Unvollendeter", von Brahms 1. Außerdem schlummert dort noch Wagner, Rimskys "Sheherazade", Vivaldis "Vier Jahreszeiten" und Händels "Messiah" in den Archiven, teilweise seit der LP-Zeit nicht mehr verfügbar.

Leopold Stokowskis späte Aufnahmen schlagen uns eine direkte Klangbrücke in das Zeitalter von Mahler, Wagner und Brahms, in ihre Empfindungswelt, in ihr Musiziergebaren. Wir haben nicht viele solcher Brücken. Und noch weniger gut klingende.

Bleibt nur zu hoffen, daß Decca diese Initiative fortsetzt, und auch Stokowskis restliche "Pase 4"-Aufnahmen wiederveröffentlicht.