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14.11.2003

Jenseits von Schönberg

Elliott Carter, Jenseits von Schönberg

Elliott Carter hat sich ein ganzes Leben Zeit gelassen, seine erste Oper zu schreiben. Im September 1999 feierte "What Next?" an der Deutschen Staatsoper seine Premiere, kurz vor dem 91. Geburtstag des Komponisten. Der Erfolg war groß, die Resonanz im Publikum gewaltig, auch wenn Carter das Werk als eine Episode seines umfangreichen Schaffens verstand.

Wenn Elliott Carter eine Oper schreibt, dann ist das wie eine Zusammenfassung amerikanischer Musikgeschichte. Immerhin hat er nahezu das gesamte 20. Jahrhundert selbst erlebt und kompositorisch mit geprägt. Ein paar Stationen seines Lebenswegs: Elliott Cook Carter wurde am 11. Dezember 1908 in New York geboren. Seine Schul- und Universitätsausbildung führte ihn nach Harvard, unter anderem in das Seminar von Gustav Holst, und in den Dreißigern nach Paris zur gestrengen Nadia Boulanger. Seit den spätern Dreißigern war er zunächst als künstlerischer Leiter des Ballet Caravan, dann an verschiedenen Universitäten tätig. Stark beeinflusst von der Zwölftonlehre des exilierten Arnold Schönberg galt sein Interesse besonders der Anwendung simultan ablaufender Tempi, der Arbeit mit metrischen Modulationen, überhaupt der Systematisierung musikalischer Organisation. Seit den Sechzigern erhielt Carter zahlreiche Auszeichnungen, Trophäen und Ehrendoktorhüte wie etwa den Pulitzer Preis für sein zweites Streichquartett (1960). Sein Hauptaugenmerk lag auf Chor- und Orchesterwerken wie auf theoretischen Arbeiten. Die Oper hingegen blieb im Hintergrund, aus pragmatischen Gründen: "Mir wurde es immer wieder ernsthaft angeboten, eine Oper zu schreiben, aber ich fand einfach kein Thema, das mir dafür bedeutsam genug vorgekommen wäre".

 

Es bedurfte vieler Interventionen und mancher Zufälle, bis es schließlich doch dazu kam. Treibende Kraft war dabei ein alter Freund, der Dirigent und Pianist Daniel Barenboim, dem es gelang, die Deutschen Staatsoper (oder genauer den Verein der Freunde und Förderer der Deutschen Staatoper e.V.) davon zu überzeugen, Elliott Carter einen Kompositionsauftrag für eine Oper anzubieten. Und so wurde das Projekt konkret: "Nachdem ich den Film 'Trafic' von Jacques Tati gesehen hatte, kam ich auf die Idee, dass ein Verkehrsunfall (oder auch anderer Unfall) ein dramatischer Ausgangspunkt für eine Oper sein könnte. Ich sprach ein mögliches Libretto mit Paul Griffith durch, wie man den Stoff ironisch und menschlich behandeln könnte. Er dachte sich daraufhin sehr kompakt definierte Charaktere aus, die so wesentlich für eine Arbeit sind, die ihre wirkliche Erscheinungsform nur dann hat, wenn sich der Vorhang hebt".

 

Über zwei Jahre hinweg schritt die Konzeption von "What Next?" voran. Am 16. September 1999 fand die Uraufführung des Einakters an der Deutschen Staatsoper in Berlin statt, unter der Leitung von Barenboim und produziert von Nicolas Brieger. Ein knappes Jahr später wurde die konzertante Variante am Amsterdam Concertgebouw dem Publikum vorgestellt, diesmal unter der Ägide von Peter Eötvös, der dem Netherlands Chamber Orchestra vorstand. Zusammen mit Carters Auftragsarbeit "Asko Concerto", einer entfernt an barocken Concerti Grossi orientierten Ensemblekomposition für 16 Beteiligte, wurde es zur Grundlage einer CD-Produktion, die eine Wegmarke der zeitgenössischen Musik des ausgehenden 20. Jahrhunderts dokumentiert.