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31.10.2003

Das Lied vom Tod

Das Lied vom Tod

Die Szene ist erfunden, aber großartig. Mozart geschwächt im Bett, neben ihm Salieri, dem er quasi in einem letzten Aufbäumen die Gesangsstimmen seines "Requiems" hinwirft. Geschickt hat Milos Forman in "Amadeus" mit dem Geheimnis gespielt, das die Entstehung der Totenmesse lange Zeit umgab. Die Faszination wirkt, denn es ist bis heute ein ergreifendes Werk, insbesondere wenn musikgeschichtsbewusste Koryphäen wie John Eliot Gardiner sich seiner annehmen.

Heute weiß man: Der mysteriöse Mann in Grau, der eines Tage bei Mozart in der Tür stand und ihm gegen großzügiges Honorar ein Requiem in Auftrag gab, war ein Bediensteter des Grafen Walsegg. Das Versteckspiel war beabsichtigt, weil seine Durchlaucht beabsichtigte, das georderte Werk bei der Totenmesse für seine Frau als sein eigenes Opus auszugeben. Aus der Schwindelei wurde nichts, denn Mozart starb vor Beendigung der Arbeit. Er war noch in der Lage, die Gesangsstimmen und den bezifferten Bass bis zum Ende des "Hostias" (mit Ausnahme des "Lacrimosa" nach Takt acht) zu notieren, außerdem die Orchestrierung des "Introitus", die erste Violinenstimme des "Dies Irae" und "Rex tremendae" und einige einzelne Details. Um den Rest kümmerten sich im Auftrag seiner Frau Constanze zunächst Joseph Eybler, ein befreundeter Komponist, der aber ziemlich schnell an dem Vorhaben scheiterte. Daraufhin orchestrierte Maximilian Stadler das zweisätzige "Offertorium", blieb aber ebenfalls in der Arbeit stecken. Schließlich gelang es erst Franz Xaver Süßmayr, einem Freund der Familie und gelegentlichen Assistenten Mozarts (und Constanzes), das Opus zu einem, wenn auch stellenweise ein wenig klischeehaften Abschluss zu bringen.

Trotzdem gilt das "Requiem" als eines der zentralen Werke Mozarts, an dem Musikwissenschaftler, Exegeten und Interpreten sich immer wieder aufs Neue versucht haben. Auch John Eliot Gardiner wagte sich daran, revidierte nach historisch-kritischen Vorlagen einige Holz- und Blechbläserpassagen, die bei Süßmayrs Bearbeitung allzu plump wirkten. Im Herbst 1986 versammelte der Dirigent in London um seine English Baroque Solists und den Monteverdi Choir ein paar aufstrebende Solisten und Solistinnen und gestaltete eine Aufnahme, die versuchte, gerade abseits der vielen Mythen und Geschichten dem Werk klanglich auf den Grund zu gehen. Als Sopranistin stand die junge Barbara Bonney zur Verfügung, den Solo-Alt übernahm Anne Sofie von Otter, Hans Peter Blochwitz sang den Sopran und Willard White den Bass. Das Orchester wirkte unter Gardiners Leitung mächtig und zugleich transparent, fand ein getragen moderates Tempo, das dem Duktus der Totenmesse folgte, ohne die Mozartsche (Süßmayersche) Dramatik außer Acht zu lassen. So gelang dem Ensemble eine Interpretation aus der Tiefe der Musik heraus, die sich in die Reihe großer Referenz-Einspielungen von Herbert von Karajan bis Nicolaus Harnoncourt einfügt.

Die Referenz:

"Die Linien sind straff, das Stimmengeflecht transparent - und die aus unmittelbarer Nähe aufgezeichnete Aufnahme zusammen mit der deutlichen Artikulation machen es möglich, die inneren Details gut herauszuhören." (The Grammophone)

Näheres zur Referenz-Reihe unter http://www.referenzaufnahmen.de