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24.10.2003
Claudio Abbado

Ästhetik und Finesse

Claudio Abbado, Ästhetik und Finesse

Felix Mendelssohn war streng mit sich selbst. Die "Symphonie Nr.5 D-Dur, op. 107", die er aus Anlass des Reformationsjubiläums 1830 komponiert hatte, hielt er für missglückt. Mit der "Symphonie Nr.4 A-Dur, op. 90" war er etwas gnädiger, wohl immer noch beschwingt von den Eindrücken ausführlicher Italienreisen, die ihn zu der Komposition inspiriert hatten. Aus heutiger Perspektive ist seine protestantische Reserviertheit dem eigenen Genie gegenüber kaum nachzuvollziehen. Beide Symphonien sind mitreißende Meisterwerke, wie Claudio Abbado mit den Londoner Symphonikern nachweist.

Es gehört zu den Vorteilen von Reichtum, dass Kunst und Kultur selbstverständlich werden können. Felix Mendelssohn war der Spross einer zum Protestantismus konvertierten jüdischen Bankiers- und Gelehrtenfamilie. Sein Großvater war der Philosoph Moses Mendelssohn, sein Vater wiederum war prosaischer veranlagt und gehörte - nachdem die Familie vor den schikanierenden französischen Besatzungstruppen aus Hamburg geflohen war - zur High Society der Berliner Gesellschaft. So kam es, dass im Hause Mendelssohn(-Bartholdy) jeden Sonntag von einem kleinen Ensemble Musik gemacht wurde. So kam es auch, dass der Sohn zwar streng, aber humanistisch und musisch umfassend erzogen wurde. Und so konnten sich alle Talente des Buben tatsächlich nahezu ungestört entfalten. Felix Mendelssohn spielte schon als junger Mann virtuos Klavier, komponierte und dirigierte makellos, konnte flüssig Griechisch und Latein, schrieb gute Prosa und dichtete, zeichnete und malte über Niveau. Da er sich selbst der größte Kritiker war, entwickelte es sich zu einem seriösen, rundherum verlässlichen, gebildeten und quasi-aristokratischen Zeitgenossen, der von seiner Umwelt hochgeschätzt wurde (Die antisemitischen Verfemungen setzten erst nach seinem Tod ein, als die dunkle Wolke des Ungeistes sich über Europa zusammenbraute).

 

So war Felix Mendelssohn allem Anschein nach ein glücklichter und mit Sicherheit ein immens produktiver Mensch. Er komponierte für nahezu jede mögliche Form in anhaltend hoher Qualität, sorgte als Dirigent und hauptamtlicher Kapellmeister in Leipzig dafür, dass unter anderem Bach wiederentdeckt und Schubert (wie auch Schumann) überhaupt aufgeführt wurden. Zwischendurch leitete er auch eigene Werke an und schrieb, schrieb, schrieb, unablässig bis zu seinem frühen Tod 1847. Im Unterschied zur Werkszählung entstand "5.Symphonie D-Dur, op. 107" bereits 1830. Sie war ein Widmungswerk an die Lutherische Reformation, die im selben Jahr mit dem 300.Jubiläum der Confessio Augustana gefeiert wurde. Mendelssohn arbeitete aus diesem Grund in den Ecksätzen zwei Choralzitate ein, das "Dresdner Amen" (das später auch von Wagner für den "Parsifal" verwendet wurde) und "Ein' feste Burg ist unser Gott" als Hauptthema des vierte Satzes. Er hielt sich bewusst anachronistisch an strenge Satztechniken bei der Choralbearbeitung, der kontrapunktischen Führung oder dem Fugato. Das brachte ihm die Kritik der mangelnden Lebendigkeit ein und förderte wohl auch sein eigenes Urteil, das Werk im Großen und Ganzen als misslungen anzusehen.

 

Ganz anders die "4.Symphonie A-Dur op. 90", die erst drei Jahre nach der fünften fertig gestellt wurde. Hier versuchte Mendelssohn, die Eindrücke, die er nach dem engen Kontakt zu Goethe auf einer ausgedehnten Italienreise 1830/31 gesammelt hatte, in orchestrale Form zu gießen. Er wählte dabei den Weg der Assoziationen, die zwar mit südländischem Klangempfinden spielen, jedoch keine direkten Zitate integrieren. So entstand eine bis ins finale "Saltarello" hinein vor Leben und Vitalität sprühende Symphonie, die bis heute zum Elegantesten gehört, was das 19.Jahrhundert musikalisch zu bieten hat, insbesondere wenn sich ein italienischer Dirigent dessen annimmt. Denn Claudio Abbado verhalf dem Werk gemeinsam mit dem London Symphony Orchestra bei der Einspielung im Herbst 1984 zu einer eine fließenden Finesse, die mühelos die Intention des Urhebers verdeutlicht, mediterrane Leichtigkeit zu vermitteln. Anders bei der "Reformations-Symphonie", die er einige Monate zuvor wiederum mit der nötigen Kraft und Dramatik eines auf Glaubenswurzeln verweisenden Opus interpretiert. So gelingt eine rundherum ausgezeichnete und kontrastreiche Deutung der Werke, die den Schallplattenführer Penguin Guide zu einem deutlichen Urteil führt: "Dies ist eindeutig die erste Wahl!"

 

Die Referenz:

 

"Dies ist eindeutig die erste Wah" (Penguin Guide 1988)

 

Näheres zur Referenz-Reihe unter http://www.referenzaufnahmen.de