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24.10.2003

Kaisers neue Kleider

Kaisers neue Kleider

Eines ist klar: An "Mein Herz brennt" werden sich die Geister scheiden. Denn der Komponist Torsten Rasch hat mit großem stilistischem Instrumentarium die Texte der Rockband Rammstein in einen zeitgenössisch anspruchsvollen Klangrahmen gestellt. Das ist noch immer ein Tabubruch, der ebenso überraschen wie irritieren kann. Einen ästhetisch wegweisenden und aufwändig gestalteten Vorgeschmack bietet dabei die eigens entwickelte Website www.mein-herz-brennt.de. Hier kann man sich ab kommenden Montag online mit Geschichte, Durchführung und Gestaltung eines mutigen Projektes vertraut machen, das die Szene bewegen wird.

Zurück zum Anfang, in die frühen neunziger Jahre. Damals war Techno gerade vom Clubgeheimnis zum Massenphänomen mutiert. Aus England kamen college-fröhliche Britpop-Klänge, Amerika hatte Grunge erfolgreich hinter sich gebracht und wandte sich verstärkt rappenden Freizeitluden zu. Es war eine stilistisch indifferente Zeit ohne klare Trendansage, im Prinzip offen, aber unentschlossen. Und es war der richtige Nährboden für einen Band wie Rammstein, die mit den diffusen Ängsten einer saturierten Gesellschaft zu spielen verstand. Schon der Name der 1994 um den ehemaligen Schwimmsportler, Vize-Europameister der Junioren und Punk-Schlagzeuger Till Lindemann gegründeten Combo war eine Provokation, spielte er doch auf die Absturzkatastrophe sechs Jahre zuvor an, als auf der gleichnamigen US-Militärbasis in Rheinland-Pfalz Kampfjets ins Publikum einer Flugshow gerast waren. Das martialische Auftreten der Musiker, die stilistische Nähe zum Heavy Metal und die eigenartig verschwurbelten Texte brachten sie bald ins Kreuzfeuer der Kritik. Was sollte man mit Zeilen wie "Ihr glaubt zu töten wäre schwer, doch wo kommen all die Kreuze her?" oder auch "Rote Striemen auf weißer Haut, ich tue dir weh und du jammerst laut" anfangen? War das Ironie, Zynismus, ernst gemeint? Hatte Rammstein gar etwas mit der rechten Szene zu tun?

Der Medienrummel wuchs, bald hatten Rammstein eine Viertelmillion CDs verkauft, ohne einmal auf MTV gesendet worden zu sein. Über drei Alben hinweg schafften sie es, zu einer der wichtigsten Rockbands Deutschlands zu avancieren, deren Songs sogar in Filmen wie "Lost Highway" des Kultregisseurs David Lynch gespielt wurden. Der Erfolg machte sie hoffähig, generierte wiederum zahlreiche Nachahmer und schob eine ganze Szene lärmender Macho-Kapellen an, die mit Postpunk-Attitüde und konkreten Texten die Sympathien junger Hörer bündelten. Rammstein wurden zum Markenzeichen, da sie die ersten Recken dieser Bewegung waren. Und sie interessierten den Produzenten und Schlagwerker Sven Helbig, der die kantigen Verse Lindemanns zunächst ohne den Sound der Band kennen gelernt hatte. Fasziniert von deren naiver, emotionsdichter Klarheit beauftragte er den Komponisten Torsten Rasch, die Worte in einen klassischen Rahmen zu packen.

Der wiederum hatte wie auch Helbig beste Beziehungen zu den Dresdner Sinfonikern, mit denen er bereits 1998 die Vertonung von "Völupsa" nach einem Gedicht der isländischen Heldensaga "Edda" verwirklich hatte. Ebenfalls dabei war damals die Schauspielerin Katharina Thalbach, die Rasch auch für sein Rammstein-Projekt begeistern konnten. Den bayreutherfahrenen Sänger René Pape kannte er noch aus seiner eigenen Lehrzeit beim Dresdner Kreuzchor und so wuchs ein Ensemble zusammen, mit dem er "Mein Herz brennt" in einer Weise realisieren konnte, die ihm angemessen schien. Dabei schöpfte er stilistisch aus den Vollen. Manchmal meint man Schönberg, Stravinsky zu hören, an anderer Stelle reichen Verweise bis in die deutsche Romantik. Zeitgenössisches blitzt auf, eine wilde Mischung aus fragilen Motiven und orchestraler Wucht entsteht, die "Mein Herz brennt" zu einem außergewöhnlichen Liederzyklus macht.

Die Meinungen allerdings werden sich polarisieren, als Advocatus Diaboli nimmt der Schriftsteller Helmut Krausser prophylaktisch Stellung: "In Wahrheit gehört viel Wagemut dazu, längst Eingeordnetes, von Etiketten belastetes den gewohnten und gewohnt faulen Sicht- und Hörweisen zu entreißen, es aus den Schubladen zu befreien und noch einmal in die Wildnis des kreativen Prozesses zu entlassen. Das ist Freibeutertum und Grenzüberschreitung im besten Sinne, hat mit beliebigem Crossover nichts zu tun. Torsten Rasch kann zu diesem Wagemut gratuliert werden. Das Ergebnis wäre mit einem viel zu oft falsch gebrauchten Adjektiv zu loben: Seine Musik ist eigen-artig. Dunkles, nie zähflüssiges Blut der Seele". Es bleibt spannend.