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02.10.2003

Anna Gourari - Nocturne

Anna Gourari - Nocturne

Die begnadete russische Pianistin Anna Gourari präsentiert auf ihrer neuen CD ein ganzes Genre: das Nocturne. Die einzige Tageszeit, die eine umfangreichere musikalische Gattung inspirierte, ist die Nacht, und sie hat viele Farben. Entsprechend kennt auch das Nocturne das Verspielte wie das Träumerische, das Phantasmagorische wie die gelösten Formen, die schwimmenden Linien und die Rückkehr in jene große Einfachheit, die nicht nur Komponisten so oft als höchste Sublimierung und wahrsten Ausdruck der Kunst ansehen.nd, die mehrstimmige Innenwelt in einer Kultur der Solo-Form aufzubewahren.

Eine einsame musikalische Form ist es, konzentriert auf eine Einzelstimme, sinfonisch kaum denkbar und meist von transzendenter Versenkung. Kein Zufall also, dass so viele, die sich im Nocturne hervorgetan haben, auch Kirchenmusiker oder mit einem Mystizismus eigener Art befasst waren. Das Nocturne ist jene Familie der Miniaturen, die vor dem Ahnvater des Genres, dem Iren John Field, "Fantasie" oder "Bagatelle" heißen konnten, Minutenstücke, die meist ohne grelle Expressivität auskommen, doch umso eher geeignet sind, die mehrstimmige Innenwelt in einer Kultur der Solo-Form aufzubewahren.

 

Die Gattung erlaubt Entdeckungen, und so war Anna Gourari klug, die Komponisten von der Gattung aus zu betrachten. Nimmt man ihre Einspielung der "Nocturnes" also nicht als eine Versammlung von Einzelstücken, sondern als die Verwirklichung eines Konzepts, in dem die disparaten Teile miteinander korrespondieren, so versteht man, warum diese Aufnahme mehr ist als die Summe ihrer Stücke. Nach Paul Valéry haben nur Musik und Architektur die Eigenheit, uns ganz in künstlerische Räume einzuschließen. Die Architektur des Nocturnes, die Anna Gourari dem Hörer erschließt, führt in die Klangräume eines Gebäudes, in dem alle gleichzeitig präsent und alle verbunden sind.

 

War Gourari in der Vergangenheit immer auch als Entdeckerin oder Vermittlerin aufgetreten, so kombiniert sie nun ihre Hinweise auf Rara von Glinka, Tansman, Killmayer oder Piazolla mit einer persönlichen Gesamtschau des Genres, verzichtet auf Fauré, entscheidet sich statt dessen für Respighi und Barber, und noch mehr als für diese für ihr eigenes Bild des musikalischen Nachtstücks. Dergleichen gelingt nur angesichts der starken Persönlichkeit einer Interpretin, in der all dies zusammenläuft, auch weil ihr inzwischen eine Autorität im Blick auf Musik eigen ist, die sie deutlich über den Rang der reinen Interpretin hinaushebt.

 

Diese dem Schweigen abgerungene Musik wird schwer von der Stille, die sie in sich aufgesogen hat, und spielend lässt Anna Gourari sie bisweilen immer stiller erscheinen. Auch der Ton der Pianistin scheint modelliert worden zu sein, um diese Sprache nur desto präziser zu sprechen. Er besitzt keine modische Reduktion und Trockenheit, vielmehr hat er Körper, Fülle, Substanz. Sie lässt ihn schwingen, beseelt ihn mit Schwingungen vom Grafischen zum Malerischen, zeichnet ihn mit Sfumato weich.

 

Während sie Chopin entschnörkelt, ihn, dynamisch hoch differenziert, aus dem Brillanten befreit, gibt sie Alexander Skrjabin eine impressionistische Transparenz, die seine Farbnebel zum Kommentar der Gefühligkeit der Melodie werden lassen. Dem Sinfoniker Tschaikowski gewinnt sie eine im kleinen Format entschlackte Nachdenklichkeit ab, zwischen Piazzolla und Hindemith erkennt sie eine Verwandtschaft wie zwischen Poulenc und Schumann. Aus der impressionistischen Stimmungsvielfalt Debussys entwickelt sie eine direkte Linie, die bis zu Skrjabin führt und über ihn hinaus bis in eine Ahnung der Zwölftonmusik.

 

Anna Gourari besitzt eine Kraft, die ihre klangliche Sensibilität nicht blockiert, ist nicht elegant, sondern besitzt den Mut, es nicht zu sein, und was man ihr als "Reife" attestierte, ist vielleicht eher Ernst. Denn ihre Innigkeit klingt ungeschützt und bei aller Ergründung der musikalischen Substanz bleibt etwas Improvisatorisches in ihrem Verständnis der Interpretation.

 

In diesen nur scheinbar nebeneinander hängenden Miniaturen reißt das Pianissimo eines einzigen Tons manchmal einen Raum auf und annulliert die Interpretin, die in der Tiefe der Musik verloren geht, absorbiert und förmlich ohne Zusammenhang zum äußeren Leben. So involviert sie den Hörer in eine Musikerfahrung, die nichts mehr mit dem Nachvollzug einer Interpretation, nichts mit der Bewunderung für eine technischen Fertigkeit zu tun hat, sondern sich vielmehr der Autorität des wahrhaftigen Empfindens ausliefert. Solche Glücksfälle sind selten.