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26.09.2003

Talent ist demokratisch

Talent ist demokratisch

Exklusiv bei KlassikAkzente: Philipp Glass, der wohl bedeutendste lebende Komponist der USA, über seine zweite und dritte Symphonie, die in Anlehnung an zwei Alben der britischen Pop-Avantgardisten David Bowie und Brian Eno entstanden und jetzt auf CD erschienen sind.

  • Ein Rezension der der CD finden Sie hier.

Philip Glass:

Meine bevorzugte Art mich zu erholen, ist mich zu verändern. Ich hatte David Bowie und Brian Eno bereits zu Beginn der Siebziger kennengelernt. Wir waren Freunde, besuchten uns gegenseitig auf unseren Konzerten. Als ich diese Symphonien andachte, kam mir die Idee, sie auf Basis der Alben "Low" und "Heroes" zu schreiben, die ich gut kannte und die mich sehr interessierten, seit sie 1977 erstmals erschienen waren. Kein ganz einfacher Plan. Vor allem, weil kein Mensch mehr weiß, wer von beiden was darauf geschrieben hat. Es ist sehr mysteriös. Und irritierend, weil auch die beiden immer sagen, sie hätten alles zusammen geschrieben. Jedenfalls gefiel mir die Musikalität der beiden. Sie waren zusammen auf der Kunsthochschule und hatten anschließend beschlossen, zusammen Musik zu machen. Noch als ich David kennenlernte, sagte er immer wieder: "Ich bin ein Maler, dessen Arbeitsmedium Rock'n'Roll ist." Ich erinnere mich, dass ich damals in Holland an meiner Oper "Satyagraha" arbeitete, und mir auffiel, dass Bowie und Eno mit ihrer Musik versuchten, eine Barriere zwischen Pop und Kunstmusik zu überwinden. Das waren ja noch LPs: Auf der A-Seite waren die Stücke fürs Radio und auf der B-Seite diese sehr abstrakten Stücke, fast schon symphonisch. Ich kam aus der anderen Richtung, hatte einen Konservatoriums-Hintergrund, fragte mich aber, ob es nicht ein interessiertes Pop-Publikum gäbe, nicht unbedingt von der Größe dessen von Bowie und Eno, aber zumindest mit dem selben Enthusiasmus für zeitgenössische klassische Musik. Das fand man damals nicht so oft. Außerdem wollte ich ein Statement über Originalität in der populären Musik abgeben. Vieles im Pop sind nur neu verpackte alte Ideen. Aber das trifft genau so auch auf die Konzertmusik zu. Es zählt doch nicht, ob es populäre oder Konzertmusik ist, sondern ob sie etwas taugt, ob sie von einer Person mit Talent und Vorstellungskraft geschrieben wurde. Ich halte David und Brian für extrem talentierte Musiker, obwohl sie keine Diplome vorweisen können, um das zu beweisen. Das wiederum zeigt, dass Talent ein sehr demokratisches Produkt ist - es kann überall auftauchen und hat nichts mit der Herkunft, dem Geschlecht oder der Nationalität zu tun. Talent ist Talent. Und man braucht keinen Universitätsabschluss, um sagen zu können, dass man es hat. Das einzige, das Musik unterscheidet, ist die Qualität und niemals die Kategorie. Seltsamerweise hat sich diese Idee noch nicht überall durchgesetzt, zumindest in der akademischen Musikwelt nicht.

Meine Idee war es jedenfalls, Themen von Davis und Brians Symphonien zu nehmen, in der Art und Weise, wie auch Brahms ein Thema von Händel oder Beethoven eines von Haydn nahm. Bei Strawinsky kamen alle Ideen in seinen frühen Ballettmusiken, im "Feuervogel", dem "Rite Of Spring" oder "Petruschka", aus fremden Quellen. Es ist üblich in der klassischen Welt, dass sich ein Komponist bei einem anderen bedient, als Hommage sozusagen. Das einzig ungewöhnliche hier war, dass ich Komponisten benutzte, die nicht in der Tradition notierter Konzert-Kunstmusik standen, sondern solche, die ich zwar für extrem talentiert hielt, die aber nicht diese Ausbildung hatten. Ich ließ die Themen von David und Brian nicht wirklich unberührt. Oft führte ich sie weiter, verdoppelte die Melodien, reharmonisierte etwas, übertrug es in eine neue harmonische Sprache. Einige eingefleischte Bowie-Fans meinten später, dass sie die Musik nicht wiedererkennen würden. Aber David und Brian schon. Lange nachdem die Alben erschienen waren, ließ David sie noch in den Hallen vor seinen Rock-Konzerten laufen. Ich hörte sie über die riesigen Lautsprecher und dachte: "Wow, anscheinend gefallen sie ihm wirklich!" Mehr Bestätigung brauchte ich nicht. Obwohl ich glaube, dass David selbst lieber die "Heroes" mochte. Aber da müssen Sie ihn selbst fragen. Ich sah diese inspirierten Symphonien also in einer ehrenwerten Tradition, aber tatsächlich alarmierte die Idee etliche Mitglieder der klassischen Welt. Als wir die "Low"-Symphonie zum ersten Mal an Orchester schickten, kam sie unbesehen mit der Notiz zurück: "Unser Orchester spielt keinen Rock'n'Roll." Es dauerte ein paar Jahre, bis wir diese Hürden überwanden. Mittlerweile sind beide Symphonien einige Male aufgeführt worden, nicht nur von meinen Orchestern. Nebenbei, die dritte dieser Symphonien sollte größer sein. David und ich haben oft darüber gesprochen und uns gegenseitig versprochen, sie anzugehen. Aber bisher haben wir nicht mal damit angefangen. Momentan arbeite ich an mehreren Filmmusiken, der weltmusikalischen Eröffnungshymne für die Olympiade in Athen, einer Symphonie zu Leonard Slatkins 60. Geburtstag und einer Uraufführung für die Erfurter Oper. Und David ist auf Tour, vielleicht können wir uns danach mal wieder darüber auseinandersetzen. Die Idee war jedenfalls, etwas größeres, anderes, auch mit neuen Instrumenten zu machen. Die ersten beiden Symphonien sind heutzutage, elf Jahre nach der Entstehung der ersten, ziemlich bekannt beim Konzertpublikum. Die Leute mögen sie nicht auswendig kennen oder ständig hören, vielleicht mögen sie sie nicht einmal, aber sie kennen sie auf jeden Fall. Es ist alles nur eine Frage der Zeit.