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26.09.2003
ECM Sounds

Finster war's

ECM Sounds, Finster war's

Es gibt Musik, die atmet. Langsam in schweren Zügen, wie jemand, der in seinem Inneren nach der Kraft und dem Urgrund des Seins sucht. Giya Kanchelis Liturgie "Vom Winde beweint" und Alfred Schnittkes "Konzert für Viola und Orchester" sind Beispiele für Klang voll dunkler Ahnung, zum einen genährt von kaukasischer Melancholie, zum anderen von der Empfindungstiefe eines Nach-Modernisten.

Giya Kancheli meidet Plakatives "Ich lege mich nie darauf fest, eine vorgegebene Technik oder eine stilistische Ebene einzuhalten oder mich davon zu entfernen. Natürlich sieht sich jeder, der Musik zu schreiben beginnt, mit der gesamten musikalischen Tradition konfrontiert, der jahrhundertealten wie der heutigen", räsoniert der Komponist im Vorwort zu "Vom Winde beweint" und fügt, beinahe entschuldigend, hinzu: "Künstlerische Vollkommenheit wird immer ein Geheimnis bleiben. Ihm auf die Spur zu kommen in der Hoffnung, etwas Ähnliches schaffen zu können, ist ganz unmöglich". Trotzdem versucht Kancheli sich soweit wie möglich an dieses Ideal übergreifender, die Individualität überschreitender Kunst anzunähern. Als einer der wichtigsten georgischen Komponisten des vergangenen Jahrhunderts hat der behutsame Visionär aus Tbilisi sich deutlich mit einer Traditionsbildung auseinandergesetzt, die die sozialistischen Funktionäre bestenfalls als vordergründiger Folklorismus interessierte. Weit entfernt von der Propagandakunst mancher Kollegen schrieb er Musik auf der Grundlage seiner regionalen Herkunft, ohne die Klangwelten des Kaukasus direkt zu zitieren. Es ist das verhalten distanzierte Melos, die Art, Töne in balanciertem Gleichmut setzten zu können, mit der er sich in einer Trauerkomposition wie "Vom Winde beweint" auf seine eigene kulturelle Einbindung bezieht. Als "Liturgie für großes Orchester und Solo-Viola" gedacht und dem verstorbenen Freund und Wissenschaftler Giwi Ordschonikidze gewidmet, setzt Kancheli scharfe Kontraste, lässt Eruption in Meditation übergehen, verbindet Einsamkeit mit Einheit. Und schlägt auch diese Weise die Brücke zur zweiten Komposition des Albums.

Denn auch Alfred Schnittke arbeitete mit Gegensätzen, die er zu verknüpfen suchte. Der russische Landsmann Kanchelis aus Engels an der Wolga erfand dafür eigene Systeme, ja sogar einen Ordnungsbegriff: die Polystilistik. Und mit dem ironischen Gestus des Postmodernisten verwies er zugleich darauf, dass er kein Dieb, sondern wenn, dann ein Fälscher sei. Das ist einfach und kompliziert zugleich, weil Schnittke sich weit mehr in der Tradition der zeitgenössischen Tongebung verortete als sein georgischer Kollege und daher noch mehr Bezugspunkte zulassen musste. Das "Konzert für Viola und Orchester", das er 1985 für den Geiger Yuri Bashmet geschrieben hatte, bekam dabei durch einen Zufall des Schicksals eine besondere Stellung in Schnittkes Werk. Denn nur zehn Tage nach Fertigstellung der Partitur erlitt der Komponist einen Schlaganfall, der den mühevollen zweiten Lebensabschnitt einleitete. Und als ob er es geahnt hätte, bestimmt ein dunkler, sorgenvoller Ton das Werk, gibt ihm einen Ernst, der trotz einiger amüsanter Zitate die Färbung bestimmt.

So war es für die Bratschistin Kim Kashkashian eine große Aufgabe, zwei hochsemantisierte Orchesterstücke durch ihre Solo-Stimme in die notwendigen Assoziationsnetzwerke einzubinden. Die zeitlich fünf Jahre auseinander liegenden, jeweils in gemeinsamer Arbeit mit dem Dirigenten Dennis Russell Davis verwirklichten Aufnahmen von Schnittke (mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Saarbrücken, 1986) und Kancheli (mit dem Orchester der Beethovenhalle, 1991) beeindrucken umso mehr durch die Geschlossenheit ihrer interpretatorischen Leistung. "Kim Kashkashian lässt uns erleben, wie Giya Kancheli seine Musik intendiert: 'Sie sollte den Eindruck von Schönheit und Ewigkeit vermitteln, ein unaufhörliches Fließen ins Helle'", konnte man in der Wochenzeitung "Die Zeit" lesen. Und weiter: "Sie engagiert sich mit großer Verve für Schnittkes Schichtung unterschiedlicher Klangphänomene und Verarbeitungsmuster. Und hinter allem steht eine Fülle von Emotionen, von Ausdruck, von Gefühlen". Mit anderen Worten: Es gelingt eine Interpretation, die ein Idealmaß an Intensität erreicht, ohne das versteckte Pathos der beiden Werke in den Vordergrund zu stellen. Eine reife Leistung.

Die Referenz:

"Kim Kashkashian lässt uns erleben wie Giya Kancheli seine Musik intendiert: "Sie sollte den Eindruck von Schönheit und Ewigkeit vermitteln, ein unaufhörliches Fließen ins Helle". Sie engagiert sich mit großer Verve für Schnittkes Schichtung unterschiedlicher Klangphänomene und Verarbeitungsmuster. Und hinter allem steht eine Fülle von Emotionen, von Ausdruck, von Gefühlen." (Die Zeit, Heinz Josef Herbort)

Näheres zur Referenz-Reihe unter http://www.referenzaufnahmen.de