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12.09.2003

Die Welt im Kleinen

Die Welt im Kleinen

Die Zeitgenossen standen Schumanns Miniaturen zuweilen ratlos gegenüber. Wo andere sich in gewaltigen Epen produzierten, zog er sich zurück, schrieb Stücke, die kaum eine Minute lang waren und für Virtuosen auf den ersten Blick wenig hergaben. Trotzdem wurden die Zyklen "Carnaval", "Papillons" und "Kinderszenen" zu den meistgeliebten Stücken der Klavierliteratur. Und bei aller Einfachheit fordern sie von einem Pianisten mehr Darstellungskompetenz als manches Konzert.

Schumann selbst hatte seine Zweifel. Für ihn waren viele seiner Albumblätter nur Versuchsanordnungen der Kreativität, Motivskizzen mit Humor im Detail. An seiner geliebte Clara Wieck zum Beispiel schrieb er, kurz nachdem er 1838 die "Kinderszenen" fertig gestellt hatte: "Und dass ich es nicht vergesse, was ich noch komponiert - war es wie ein Nachklang zu Deinen Worten, wo Du mir einmal schriebst, ich käme Dir auch manchmal wie ein Kind vor, - kurz es war mir ordentlich wie im Flügelkleide und ich hab' an die dreißig putzige Dinger geschrieben, von denen ich etwa zwölf ausgelesen und Kinderscenen genannt habe. Du wirst dich daran erfreuen, musst dich aber freilich als Virtuosin vergessen".

Ähnlich ging es ihm bereits ein paar Jahre früher. So schrieb Schumann 1831 die Sammlung "Papillons", die sich überraschenderweise zu seinem ersten Verkaufserfolg entwickelte. Auch hierbei handelte es sich um kleine Melodien mit rhapsodischem Charakter, die allerdings durch ihre scheinbare Einfachheit sich hervorragend zum Gebrauch für die höheren klavierspielenden Töchter des aufstrebenden Bürgertums eigneten. Schließlich gelang ihm mit "Carnaval" (1834/35) ein internationaler Klassiker. Die ironisch gemeinten und teils nach Zeitgenossen und Gattungen, teils nach Figuren der Comedia Dell'Arte benannten zwanzig Stücke waren als musikalische Paraphrase eines Maskenballs gedacht, wurden aber zugleich als sympathische Kabinettstückchen verstanden, ebenfalls für Salons und Gesellschaften geeignet.

Was zunächst einfach wirkt, entwickelt in seiner Gesamterscheinung durchaus komplexe, vernetzte Strukturen. Nelson Freire betrachtet die Zyklen daher in ihrem übergreifenden Zusammenhang und stellt sie in einer Aufnahme folgerichtig nebeneinander. Das Resultat ist faszinierend. Denn der als Chopin-Spezialist bekannte brasilianischen Pianist entlockt den kleinen Momenten große Emotionen. Er überträgt die Emphase, die er von den Interpretationen der Werke des polnischen Romantikers gewohnt ist, auf die Klavierideen Schumanns, relativiert sie stellenweise mit einer charmanten Prise Humor, bleibt aber über die ganze Spannungskurve hinweg ein ernster Anwalt von Schumanns Nachhaltigkeit. So entwickeln die Kompositionen in seiner Interpretation einen besonderen Reiz zwischen Parteinahme und Individualität und vermeiden trotz allen Nachdrucks sowohl Sentimentalität als auch Nostalgie. Ein reife Einspielung mit dem Zeug zur Referenz.