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05.09.2003

Nachhall der Revolution

Nachhall der Revolution

Berlioz war empört. Er war 1831 als Stipendiat nach Rom gereist, hatte den gewaltigen Petersdom besucht und festgestellt, dass in einem der weihevollsten Räume der Menschheit in der Regel ein gerade mal 18köpfiger Chor und eine Orgel auf Rädern musizierte. Das passte so gar nicht mit seinen eigenen Vorstellungen der Entsprechung von Raum und Klang zusammen. Und es war einer der Gründe, weshalb sein Requiem einige Jahre später monumentale Größe erreichte.

De facto hatte die Restauration gesiegt. Das konservative (Besitz)Bürgertum fühlte sich wohl in einer nachrevolutionären Ordnung, die der vorrevolutionären ähnelte. Es wachte etwa am Pariser Konservatorium mit Argusaugen darüber, dass die Jungen sich nicht zu weit vorwagten und wohlmöglich die Grenzen des Konservativismus sprengte. Hector Berlioz wurde daher in einer Zeit der Gegensätze groß. Auf der einen Seite hatte sich das Publikum an dem Formenfundus des Revolutionären mit den großen, bedeutungsvollen Gesten gewöhnt und war durchaus durch Pathos (vor allem in den beliebten Oper) zu ködern. Andererseits durfte man auch nicht zu weit gehen, denn Relativierungen der künstlerischen Gewissheiten führten zu Irritationen und die wiederum bedeuteten Kritik am eigenen Verständnis. Berlioz hatte daher sein Leben lang Schwierigkeiten, als Künstler anerkannt zu werden, denn seine Visionen ragten inhaltlich und ästhetisch weit über die verordnete Norm hinaus.

Ein gutes Beispiel dafür ist das "Requiem". Den Auftrag dafür erhielt er 1837, als das Innenministerium ein Chorwerk für eine große öffentliche Feier brauchte. Berlioz war begeistert, arbeitete nahezu pausenlos an der Umsetzung der geistlichen, mit militärischen Zeitbezügen durchzogenen Vorlage. Doch als er fertig mit der Komposition war, wurde die Aufführung abgesagt. Der Frust hielt nicht lange an, denn am 5.Dezember 1837 wurde das "Requiem" doch in Paris uraufgeführt, im Invalidendom als Gedenken an eine im Herbst verlorene Schlacht der französischen Armee in Algerien. Für Berlioz wurde es ein wichtiges Ereignis. Im Anschluss an die beeindruckende Aufführung war er mit einem Mal im Gespräch und wurde zumindest in kunstverständigen Kreisen als Visionär gefeiert. Das bedeutete eine partielle Anerkennung, wenn auch die eigentliche Würdigung seiner künstlerischen Persönlichkeit erst nach seinem Tod im letzten Drittel des 19.Jahrhunderts einsetzte.

Das "Requiem" ("Grande Messe des morts") ist ein gewaltiges Werk. Rund 100 Streicher, vier kreuzförmig aufgestellte Blasorchester, zweihundert Choristen verlangt die Vorlage, mit allem sind etwa 600 Mitwirkende an seiner Aufführung beteiligt. So ein Aufwand kann nur in großem Rahmen gestaltet werden und so griff Sir Colin Davis im November 1969 auf den Stab der Londoner Symphoniker und dessen Chor zurück, den er noch um den Wandsworth School Boys' Choir ergänzte. Damit kam er auf den benötigten Klangkörper, dessen Volumen er umsichtig und dynamisch eindrucksvoll gegliedert verwaltete. Ergänzt um das bereits im Januar desselben Jahres archivierte "Te Deum" - von Berlioz zwölf Jahre nach dem "Requiem" geschrieben und 1855 in Paris am Tag vor der Eröffnung der Weltausstellung mit rund 900 Mitwirkenden uraufgeführt - entstand auf diese Weise ein beeindruckendes Dokument orchestraler und vokaler Opulenz eines Klangtüftlers, dessen Vorstellungen von künstlerischer Ausdrucksmacht noch rund 150 Jahre nach der Komposition der beiden Werke die Zuhörer bei den Emotionen packt.

Die Referenz:

"Ein Plädoyer für einen großen Komponisten und einen fulminanten Orchesterklang." (stereo 4/86)

Näheres zur Referenz-Reihe unter http://www.referenzaufnahmen.de