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05.09.2003

Englands Stimme

Englands Stimme

Kathleen Ferrier blieb für ihre Karriere nicht viel Zeit. In dem Moment, als sie international sich zum Star der Konzertbühnen emporschwang, wurde bei ihr Krebs diagnostiziert. So starb sie 1953, gerade 41 Jahre alt, und hat doch innerhalb eines nur kurzen Lebensabschnitts mehr für die Wertschätzung klassischer Musik getan als viele andere Kolleginnen. Denn Ferriers Stärke war ihre Natürlichkeit, mit der sie die Zuhörer bezaubern konnte - und die man auch noch nach einem halben Jahrhundert spüren kann.

Wahrscheinlich war sie selbst überrascht. Bis zum Carlisle Festival 1937 hielt sich die Teenagerin aus Higher Walton, Lancashire, vor allem für eine gute Pianistin. Mit einem Mal aber hatte sie nicht nur den erster Preis im Fach Klavier in der Hand, sondern war auch noch als beste Vokalistin ausgezeichnet worden. Dieser Erfolg gab ihr zu denken und so nahm sie von 1939 an J.-H. Hutchinson, einem angesehen Lehrer in Newcastle-upon-Tyne Gesangsunterricht. Doch die Zeiten waren schlecht. Der zweite Weltkrieg zog seine Kreise und war bald bis in die Musikszene hinein zu spüren. Ferrier wurde Mitglied beim Council for the Encouragement of Music and Arts, bekam über diese Vereinigung zahlreiche Auftritte vermittelt und lernt auf diese Weise durch die Praxis, oft vor kriegsbedingt halbleerem Haus, sich als Sängerin zu bewähren. Im Winter 1942 bekam sie die Gelegenheit, dem Dirigenten Malcolm Sargent vorzusingen, einem einflussreichen Mann in der Londoner Kunstszene. Er holte sie in die Hauptstadt, wo sie sich daraufhin von dem Bariton Roy Henderson unterrichten ließ. Für ein Studium am Konservatorium blieb ihr keine Zeit, denn Ferrier schaffte es schnell in die vorderen Ränge der heimischen Altistinnen, etwa im Rahmen des Londoner Bach Choir.

Im Jahr 1946 sang sie mit der Uraufführung von Benjamin Brittens "Der Raub der Lucretia" während der Festspiele in Glyndebourne ihre offizielle Bühnenpremiere, zu selben Zeit stand sie mit Bachs "Erbarme dich, mein Gott" aus der Matthäus-Passion zu ersten Mal für die Decca vor den Mikrofonen. Wenige Monate später konnte man sie bereits am Covent Garden hören, die großen Konzerthäuser standen Schlange, 1949 folgte die erste Tournee durch die USA. Als besonders wichtig aber sollte sich der Kontakt mit dem Dirigenten und Pianisten Bruno Walter herausstellen. Denn der alte Herr bot sich der jungen Altistin nicht nur als Begleiter für Liedabende an, sondern machte sie auch mit großen Werke der deutschen Romantik von Mendelssohn bis Mahler bekannt. Und so gehört er auch zu den Gästen auf der Tribute-Doppel-CD, die anlässlich von Ferriers 50.Todestag am 8. Oktober 2003 zusammengestellt wurde. Es ist eine beeindruckende Sammlung von Purcell bis Händel und Bach bis Mahler, die die Kunst der großen Sängerin dokumentiert. Denn die eindringliche Dramatik ihrer Interpretation etwa bei Mahlers "Rückert-Liedern", aber auch ihre tanzhafte Unbeschwertheit, mit der sie traditionelle britische Arien feiert und natürlich der Hit ihrer frühen Karriere - "What is Life" aus Glucks "Orfeo ed Euridice" - belegen auch in einem großen zeitlichen Abstand die Größe ihrer Kunst. Ebenso spannend wie grundlegend, weil ehrlich und von Herzen.