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29.08.2003

Der andere Shakespeare

Der andere Shakespeare

Was für ein Einstieg! Die Geigen stürzen herein in Form eines fugierten Crescendos, ein wildes Getümmel entwickelt sich im Orchester von "Roméo et Juliette". Es sollte eine Straßenszene darstellen, einen Kampf zwischen den rivalisierenden Familien der Montagus und Capulets. Und es wurde ein packender Beginn eines unkonventionellen Werkes, das Hector Berlioz trotz anfänglicher Bedenken viel Lob einbrachte - und zugleich seinen Abschied von der großen Opernform einleitete.

Für Berlioz waren es spannende Jahre gewesen. Erst hatte er sich unsterblich verliebt, in die Schauspielerin Harriet Smithson, die er im Pariser Odéon in Shakespeares Dramen "Hamlet" und "Romeo and Juliet" erleben durfte. Dann hatte ihm der Rompreis einen Studienaufenthalt in der Metropole der abendländischen Kultur beschert. Schließlich war Paganini vor ihm zu Kreuze gekrochen, nachdem der Geiger die ihm gewidmete Symphonie "Harold en Italie" zunächst abgelehnt, dann aber deren Genialität verstanden hatte. Damit verbunden war auch eine mittelfristige Sanierung von Berlioz' haarsträubenden finanziellen Verhältnissen, denn der vermögenden Stargeiger überließ ihm 20 000 Francs als eine Art Wiedergutmachung.

Probleme allerdings gab es auch. Berlioz' Opernversuch "Benvenuto Cellini" war 1838 vom Pariser Publikum vehement abgelehnt worden, so dass ihm die lukrativen Jobs an den Schauspielhäusern verwehrt blieben. Schließlich ging auch seine 1833 mit Smithson geschlossene Ehe wieder den Bach hinunter, so dass der Komponist allen Grund zum Leiden hatte. Vor diesem Hintergrund entstand "Roméo et Juliette", nach Berlioz eigenen Angaben "weder eine konzertante Oper, noch eine Kantate, sondern eine Chorsymphonie". Die Form war ungewöhnlich und so gab es kaum einen Raum in Paris, wo die Uraufführung hätte stattfinden können. Im November und Dezember 1839 kam es zu drei Vorstellungen im Konzertsaal des Pariser Conservatoire, die auf der einen Seite den einen Höhepunkt der französischen Romantik darstellten und von den aufmerksamen Zeitgenossen auch als solcher wahrgenommen wurde. Auf der anderen Seite war der Aufwand so immens, das Berlioz für sich beschloss, in Zukunft mit Ausnahme von "Béatrice et Bénedict" (Uraufführung 1862) und "Les Troyens" (Uraufführung posthum 1890) auf opulente Bühnenwerke zu verzichten.

Jedenfalls ist es noch immer ein ungewöhnliches Vorhaben, die Chorsymphonie zu Aufführung und Aufnahme zu bringen. Für den Komponisten und Dirigenten Pierre Boulez, hatte es daher einen besonderer Reiz, als er die Gelegenheit bekam, im Mai 2000 im Clevelander Auditorium "Roméo et Juliette" und darüber hinaus noch die romantischen Kunstlieder "Les Nuits d'Été" aufzuführen. Als Leiter des Cleveland Orchestra und des dazugehörigen Chores hatte er die Möglichkeiten, das mit dramaturgischen Tücken durchsetzte Stück sorgfältig zu erarbeiten. Und mit der Sopranistin Melanie Diener, dem Tenor Kenneth Tarver und Denis Sedov (in der einzigen dramaturgisch aktiven Person in "Romémo et Juliette", Père Laurence) hatte er ausgezeichnete Solisten zur Verfügung, so dass die Neuaufnahme des ungewöhnlichen Klassikers und der überwiegend mollig balladesken Lieder zu einem emotionsdichten Geflecht der Höreindrücke geriet. Denn das ist das Erstaunliche: Obwohl Berlioz inzwischen als längst überholter Hochromantiker des 19.Jahrhunderts gilt, haben seine Klangarchitekturen mehr Faszination und herausforderndes Potential als vieles vermeintlich Revolutionierende, das von anderen während der folgenden Jahrzehnte entworfen wurde.