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29.08.2003

Mahler, runderneuert

Mahler, runderneuert

Manche Dirigenten spezialisieren sich in besonderem Maße. Der Amerikaner Gibert Kaplan gilt als der beste Kenner der zweiten Symphonie von Gustav Mahler. Seit Jahrzehnten beschäftigt er sich mit ihr, seine Aufnahme vom dem London Symphony Orchestra von 1988 ist die meistverkaufte Einspielung des Werkes überhaupt. Jetzt hat er sich zusammen mit den Wiener Philharmonikern an eine weitere Version gewagt. Denn die Textkritik hat zahlreiche neue Erkenntnisse hervorgebracht, auf deren Grundlage eine revidierte kritische Edition der Partitur erstellt wurde. Sie ist die Grundlage von Kaplans Arbeit, erstmals hörbar auf CD.

Gustav Mahler war Perfektionist. Fortwährend arbeitete er an seinen Werken, auch an scheinbar längst abgeschlossenen, verbesserte Details und integrierte neue Ideen. Im Fall der "2.Symphonie" hatte er bereits mit der Komposition reichlich Probleme. Sie entstand über einen Zeitraum von mehreren Jahren hinweg, in verschiedenen Stufen der Erkenntnis. Den ersten Satz gestaltete Mahler mit 27 als eine Art "Todtenfeier" für die den Helden der ersten Symphonie "Der Titan". Dann ließ er sich fünf Jahre Zeit und nahm die Arbeit wieder auf, um die Sätze zwei bis vier zu entwerfen, einschließlich des ergreifenden Liedes "Urlicht", das er als göttlichen Übergang zum Finale verstand. Die Komposition stockte wieder und kam erst in Gang, als Mahler während des Begräbnisses seines engen Freundes und Förderers Hans von Bülow 1894 die entscheidende Idee hatte, den Schluss als Choral aus Kloppstocks Versen "Aufersteh'n" zu konzipieren. So kam es dann zur Uraufführung am 4.März 1895 in Berlin unter der Leitung von Mahler selbst, sogar von ihm vorfinanziert, weil der Erfolg des Werke keinesfalls gesichert war. Der Komponist stand den kritischen Abend trotz gewaltiger Kopfschmerzen am Pult durch, brach daraufhin in der Garderobe zusammen, nicht ohne sich seiner Leistung bewusst geworden zu sein: "Es klingt wie aus einer anderen Welt herüber. Und ich denke, der Wirkung wird sich niemand entziehen können".

Tatsächlich gehört Mahlers Zweite zu den unbestrittenen Höhepunkten der symphonischen Konzertsaalkultur. Das bedeutet aber nicht, dass sie immer in der tatsächlich gültigen Version gespielt wird. Gilbert Kaplan, Mahler-Spezialist und hochdekorierter Professor an der New Yorker Juilliard School, hat sich daher im Rahmen der von ihm ins Leben gerufenen Kaplan-Stiftung gemeinsam mit Renate Stark-Voit an eine Neuausgabe der Partitur auf der Grundlage der wieder aufgefundenen, von Mahler 1910 korrigierten und autorisierten Ausgabe des Notentextes gewagt. Viele Details wurden verändert, falsche und fehlende Noten, falsche Tempoangaben, falsche Instrumentenzuordnungen revidiert. Auf diese Weise entstand eine Vorlage, die am weitesten den Verstellungen des Komponisten entspricht. Mit den Wiener Philharmonikern hat Kaplan sich im Anschluss an seine Herausgeberleistung im November und Dezember 2002 im Großen Saal des Musikvereins eingefunden und die Erkenntnisse der Forschung klangmächtig und eindrucksvoll auf CD umgesetzt. So wurde eine neue Referenz geschaffen, eine Interpretation, die in Ausdruck, Intensität und historischer Präzision Maßstäbe setzen wird.