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22.08.2003

Der Prügelknabe

Der Prügelknabe

Auf Anton Bruckner hackten alle herum, die Richard Wagner treffen wollen, aber sich an den vermeintlichen Titanen der Musik nicht herantrauten. Einmal als Wagnerianer abgestempelt, machten es sich die Hanslicks ihrer Zeit leicht, über die symphonischen Werke des Oberösterreichers zu urteilen. Deren Ablehnung war derart massiv, dass sie bis heute publizistisch nachwirkt, auch wenn sich im Allgemeinen ein differenzierter Blick auf Bruckners Werke durchgesetzt hat. Wie sehr man ihm als Epigonen Unrecht tut, wird mit Schöpfungen wie seiner "8.Symphonie" klar, die zu den erstaunlichsten Großtaten der spätromantischen Orchesterliteratur gehört.

Bruckner wollte Lehrer werden. Als Zwölfjähriger musste er bereits seinen Vater - ebenfalls Schulmeister - im oberösterreichischen Ansfelden vertreten. Zwar wurde er in Linz und als Chorknabe am Augustiner-Chorherrenstift St. Florian musikalisch ausgebildet, ein Komponisten-Karriere hatte er damals jedoch noch nicht im Sinn. Vielmehr wurde er im Schuldienst zunächst an die böhmische Grenze versetzt. Dort musste er als Gehilfe um 4 Uhr aufs Feld, für den Ortspfarrer und Schulmeister Mähen und Dreschen, Kartoffelsammeln und Heuwenden. Er wurde bald strafversetzt, weil er es unterlassen hatte, für seinen Vorgesetzten Mist auf dem Feld zu verteilen.

Bruckner legte 1845 sein Oberlehrerexamen ab, konnte nun als Hilfslehrer und Stiftsorganist in St. Florian unterrichten. So wuchs erst mit der Zeit der Wunsch heran, wohlmöglich nicht am Katheder, sondern für das Pult zu arbeiten. Bruckner beschäftigte sich viel mit barocker und klassischer Kirchenmusik, lernte Zug um Zug die großen Komponisten seiner Zeit schätzen und schaffe es 1855 als inzwischen 31jähriger die Stelle des Domorganisten in Linz zu ergattern. Er schuf sich einen Ruf als hervorragender Instrumentalist, kam zusehends auch über die Grenzen seiner Heimat hinaus und traf in den folgenden Jahren persönlich mit Komponisten wie Franz Liszt, Hector Berlioz und Richard Wagner zusammen.

Er begann, selbst zu schreiben, geistliche Werke und frühe symphonische Versuche, die er in späteren Jahren jedoch deutlich umarbeitete. Überhaupt war er selten mit dem zufrieden, was er zu Papier brachte. Umso mehr verwundert seine überschwängliche Freude, als er seinem Freund und Mentor, den Dirigenten Hermann Levi, am 4.September 1887 die Partitur "8.Symphonie" mit den Worten übersandte: "Halleluja, endlich ist die Achte fertig und mein künstlerischer Vater muss der erste sein, dem diese Kunde wird". Der Dämpfer kam bereits wenige Wochen später, als Bruckner zu Ohren bekam, wie wenig sein Förderer mit der Instrumentierung, Orchestrierung, überhaupt der gesamten Gestaltung des Werkes anfangen konnte. Niedergeschlagen machte er sich an eine Überarbeitung, und als das gewaltige, 80minütige Klangepos am 18.Dezember 1892 im Großen Saal der Wiener Musikvereins zur Uraufführung kam, gab es neben den üblichen Anti-Wagnerschen Verrissen auch Stimmen wie die von Hugo Wolf, der da jubelte: "Diese Symphonie ist die Schöpfung eines Giganten und überragt an geistiger Dimension, an Fruchtbarkeit und Größe alle anderen Symphonien des Meisters".

Fest steht jedenfalls, dass sie bis heute zu den orchestralen Herausforderungen für jeden Dirigenten zählt. Die Vielschichtigkeit, ja Überfülle der melodisch-dramatischen Gestaltung, die gewaltigen Dynamik-Kontraste, überhaupt die ausgedehnte Spannungsentwicklung über weit mehr als eine Stunde hinweg fordern ein Höchstmaß an interpretatorischer Erfahrung, um nicht bereits an der Menge der Eindrücke zu scheitern. Carlo Maria Giulini konnte als langjähriger Chefdirigent der Römischen Oper und Gaststar nahezu aller internationalen renommierten Orchester auf eine Kompetenz zurückgreifen, die gerade beim dritten Satz der Achten nötig ist. Im Mai 1984 im Saal der Uraufführung des Werkes mit den Wiener Philharmonikern aufgenommen, gelang Giulini eine Feindifferenzierung der klangdramatischen Mittel bei nahezu idealem Tempo, wie man sie nur selten erlebt. "Dass dies eine hochrangige Einspielung werden könnte, war zu erwarten, dass sie schier zu einer Sternstunde geriet, ist die positive Überraschung", konnte man kurz nach Veröffentlichung der CD im Fachmagazin 'Stereo' lesen. Großes Lob aus gutem Grund.

Die Referenz:

"Daß dies eine hochrangige Einspielung werden könnte, war zu erwarten, daß sie schier zu einer Sternstunde geriet, ist die positive Überraschung. ..Auf der Compact Disc klingt die Aufnahme noch durchsichtiger als auf der ohnehin schon guten LP." (R.Wagner in stereo 7/85)

Näheres zur Referenz-Reihe unter http://www.referenzaufnahmen.de