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22.08.2003

Späte Ehre

Späte Ehre

Wirft man Philip Glass vor, er wiederhole sich, dann kann er nur lächeln. Längst hat er das Prinzip der Repetition als künstlerisches Mittel nutzbar gemacht und aus der Wiederkehr kleiner Motive im Kontrast zu großen Strukturmustern einen charakteristischen Individualstil entwickelt. Sogar wenn er Einfälle andere Komponisten bearbeitet, kommt zum Schluss ein deutlicher Glass heraus. Wie bei den Symphonien "Heroes" und "Low" nach Vorlagen von Brian Eno und David Bowie.

Inzwischen ist bereits die Popmusik Geschichte. Konnte man vor einem Vierteljahrhundert noch das Gefühl haben, an ästhetischen Veränderungen teilzuhaben, so sind spätestens seit den Neunzigern die Vorzeichen verändert. Mit dem Siegeszug der Techno-Ära als erster Massenmusik, die erklärtermaßen ohne künstlerisches Programm auskam, verschiebt sich die Perspektive ins Repetitive. Pop wird zur Kunst der Wiederholung, die in Form von wuchernden Coverversionen, palavernden Hiphop-Remakes und mehr oder weniger gelungenen Remixes sich an sich selbst erinnert. Die künstlerische Auswahl gehorcht dabei in der Regel merkantilen Erwägungen. Bearbeitet und wiederaufgenommen wird, was Geld in die Kassen zu spülen verspricht. Die Rechnungen gehen sogar häufig auf, weil die Generation der Jungkonsumenten sich wiederum durch eine erstaunliche Geschichtslosigkeit auszeichnet und das Reservoir der vorhandenen Hits angesichts der immens kreativen Sechziger bis frühen Achtziger noch lange nicht erschöpft ist.

Erinnern kann aber auch eine Herausforderung sein. Der amerikanischen Komponist Philip Glass feierte seine ersten Erfolge just in jener Zeit, als die Blumenkinder die Margeriten langsam wieder aus den Haaren wanden, um sich ein wenig Gedanken über die Folgen ihres Engagements zu machen. Für die Musik waren die Siebziger eine Spielwiese, denn die Möglichkeiten des Fortschritts waren noch lange nicht ausgeschöpft. Allenthalben wurden wegweisende Alben veröffentlicht und Glass selbst war mit einigen dieser ästhetischen Revoluzzer befreundet. Einer davon hieß zum Beispiel Brian Eno, ein anderer David Bowie. Beide waren umtriebige Gestalten ihrer Szene, die LPs veröffentlichten, die die Ausdrucksmuster der Popmusik beeinflussten. "Low" und "Heroes" erscheinen beide 1977, waren Kooperationen der zwei Querdenker und veranlassten Glass in der Rückschau, sich sinfonisch damit zu beschäftigen.

Für die Wiederaufnahme der Themen wählte Glass die Form mehrsätziger Orchesterwerke, die sich an einzelnen Songs von Eno und Bowie orientieren. Er geht dabei behutsam vor, verkleidet die Motive in seine typisch opulenten Klanggewänder, oszillierend, schillernd, ein wenig diffus an der Oberfläche. Die übergreifende Gliederung der beiden Werke jedoch macht klar, das Glass in bewährter Manier mit großen Spannungsbogen arbeitet, die motivische Details auf lange Distanzen wieder aufnehmen, um bei aller Freiheit eine geschlossene Form zu geben. Gespielt vom American Composers Orchestra ("Heroes Symphony") und dem Brooklyn Philharmonic Orchestra ("Low Symphony") sind ihm zwei raffinierte Nobilitierungen popmusikalischer Meilensteine gelungen. Denn Glass führt Motive und Stimmungen weiter, gibt ihnen neue Muster und Strukturen. So wird aus der Erinnerung eine Erweiterung, von den Originalen inspiriert, aber weder sie sklavisch wiederholend, noch übertrieben relativierend. Und das gibt den Werken eine eigene Kraft und Charakteristik. Die "Heroes Symphony" zum Beispiel wurde von der Choreographin Twyla Tharp gemeinsam mit Glass bereits zu einem Tanzstück weiter verarbeitet. Auch ein Weg der Erinnerung, ein Remake im weiteren Sinne.