Klassik Newsletter

Sie wollen immer aktuell informiert sein? Unser Newsletterservice versorgt Sie wöchentlich mit allem zum Thema klassische Musik.

OK

Nichts verpassen

Nutzen Sie KlassikAkzente Online auch wenn Sie nicht auf unserer Seite sind:
Social Networks:

Artikel

08.08.2003

Hartmann, nicht Webern

Christoph Poppen, Hartmann, nicht Webern

Hartmann zweifelte, sein Leben lang. Analytisch geschult versuchte er, nichts in seiner Musik dem Zufall zu überlassen, und musste doch feststellen, dass das Phänomen des Emotionalen nicht berechenbar ist. So entstand ein Oeuvre, das als durchlebtes Kunstwerk beide Seiten der kreativen Gestaltung verband. Wie genau, verstand er selbst nicht. Doch spürbar blieb es, wie Christoph Poppen und das Münchner Kammerorchester nachwies.

Karl Amadeus Hartmann (1905-63) kam dem Ungeist zuvor. Bevor ihn die Nationalsozialisten für "entartet" erklären und diffamieren konnte, ging er in die innere Emigration und verhängte ein Aufführungsverbot für alle seine Werke für das Territorium des Dritten Reichs. "Ein Künstler darf nicht in den Alltag hinein leben, ohne gesprochen zu haben", meinte Hartmann und lebte dieses Credo auch nach dem Sieg über die Diktatur konsequent weiter. Noch 1945 gründete der geborene Münchner die Organisation "musica viva" und avancierte schnell zu einer der Schlüsselfiguren der gemäßigten klassischen Moderne. Im Unterschied zu Klangarchäologen und Konzeptvisionären wie Karlheinz Stockhausen blieb Hartmann immer auf dem Boden des Melodischen. Gerade über die Auseinandersetzung mit den Erkenntnissen seiner Lehrer Herrmann Scherchen und Anton Webern gelangte er zu der Einsicht, dass die zunehmende Abstraktion der Musik nicht unbedingt Fortschritt bedeutete, da sie den Gefühlsaspekt des klanglichen Erlebens vernachlässigte: "Könnte ich doch über den Aufbau dieser Zopfgeflechte [= der Webernschen Zwölftonreihen] hinaus erfahren, wie er es anstellt und worauf es beruht, dass seine Musik göttlichen Hauch enthält". Und an anderer Stelle setzte er hinzu: "Ich möchte doch meinen, dass es eines ebenso großen Aufgebots bedarf, um aus der abgewirtschafteten Tonalität noch einmal letzte Schönheiten hervorzubringen, wie den tonalen Bruch einzuleiten".

 

Hartmann ging es nicht um Kampf, sondern um die Einheit des musikalischen Erlebens. Für den Leiter des Münchner Kammerorchesters Christoph Poppen, der nicht nur als Musiker und Dirigent, sondern auch als engagierter Pädagoge aktiv ist, war das ein idealer Ausgangspunkt, um ein Programm mit Orchesterwerken des bereits wieder in Vergessenheit geratenden Komponisten zusammenzustellen. Mit seinem ausgezeichneten Ensemble und herausragenden Solisten wie der Geigerin Isabella Faust, dem Klarinettisten Paul Meyer und dem Petersen Quartett trat er im Juli und September 1999 im Schwarzenberger Angelika-Kauffmann-Saal vor die Mikrofone, um die "4.Sinfonie", das "Concerto funèbre" und das "Kammerkonzert für Klarinette" aufzunehmen. Es wurde ein besonderer Moment künstlerischer Intensität, der bald nach der Veröffentlichung der CD selbst gestrenge Kritiker wie Alfred Beaujean in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zu Lobeshymnen veranlasste: "Der Produktion des Münchner Kammerorchesters unter Christoph Poppen kommt eine besondere Bedeutung zu, zumal sie eine Erstaufnahme bietet. Das Kammerorchester erweist sich, was engagierte Klangintensität und technische Perfektion betrifft, als Ensemble ersten Ranges. Und die Klangtechnik der Aufnahme ist brillant". "Funèbre" bekam den Vierteljahrespreis der Deutschen Schallplattenkritik verliehen. Ein Klassiker, schon jetzt.

 

Die Referenz:

 

"Der Produktion des Münchner Kammerorchesters unter Christoph Poppen kommt eine besondere Bedeutung zu, zumal sie eine Erstaufnahme bietet. Das Kammerorchester erweist sich, was engagierte Klangintensität und technische Perfektion betrifft als Ensemble ersten Ranges. Die Klangtechnik der Aufnahme ist brilliant." (Frankfurter Allgemeine Zeitung, Alfred Beaujean)

Näheres zur Referenz-Reihe unter http://www.referenzaufnahmen.de