Klassik Newsletter

Sie wollen immer aktuell informiert sein? Unser Newsletterservice versorgt Sie wöchentlich mit allem zum Thema klassische Musik.

OK

Nichts verpassen

Nutzen Sie KlassikAkzente Online auch wenn Sie nicht auf unserer Seite sind:
Social Networks:

Artikel

01.08.2003

Hitkiste

Hitkiste

Von den Puristen wird sie belächelt. Operette, das ist, wie der Name schon sagt, eine Art Opera Light, ein Melodien- und Emotionscocktail für das unterhaltungswillige Publikum. Doch so sehr man auch darüber spottet, Lieder wie "Mein Herr Marquis" aus der "Fledermaus" sind geniale Kompositionen. Einmal gehört, bleiben sie meist für immer im Gedächtnis und vermitteln noch dazu eine fröhliche Leichtigkeit, die beschwingt und erquickt. Besonders, wenn sie von einer großartigen Sopranistin wie Barbara Bonney gesungen werden.

Es war eine Zeit, in der es noch keinen Fernseher gab. Wollte man sich amüsieren, ging man aus, am Land auf die zahlreichen Feste des Jahreskreislaufs, in der Stadt unabhängig davon in Theater und Opernhäuser. Während es die italienischen Komponisten wie Verdi und Puccini schafften, in die opulenten Singspiele des ausgehenden 19.Jahrhunderts reichlich Gassenhauer für das Publikum einzuarbeiten, entwickelte sich in Paris und Wien, später dann auch noch in Berlin eine eigene Musikgattung zur Unterhaltung, die von der Bedeutungsschwere Wagnerscher Prägung Abstand nahm. Die Operette wurde zum Volksvergnügen, ihre Komponisten waren nicht immer nur hochkulturell geprägte Gestalten, sondern durchaus ebenfalls Vertreter des mittleren Bürgertums.

Carl Zeller zum Beispiel war von Beruf Ministerialbeamter, komponierte aber nebenbei und landete 1891 mit "Der Vogelhändler" einen Boulevard-Hit, der vor allem über den Schlager "Ich bin die Christel von der Post" bald in ganz Wien Verbreitung fand. Ein anderes Beispiel ist Richard Heuberger. Zunächst Eisenbahnangestellter, dann Musikkritiker, versuchte er sich schließlich als Komponist und schaffte es mit "Der Opernball" (1890) von der Vergnügungsgesellschaft wahrgenommen zu werden. Die großen Namen allerdings hießen Johann Strauß und Franz Lehár, in der Berliner Zeit dann Robert Stolz, bis mit dem Zweiten Weltkrieg die Operette ihr Ende fand. Neue Formen aus Amerika, das Musical vor allem, aber auch der bereits von der UFA vorangetriebene Ton(Musik)Film liefen der altehrwürdigen Erscheinung aus den Tagen der Donaumonarchie den Rang ab.

An den künstlerischen Qualität vieler Kompositionen ändert das allerdings wenig. Man merkt es, wenn sich eine herausragende Stimme wie die von Barbara Bonney in einem eigenen Recital der Operetten-Ära widmet. Charmant sekundiert von Ronald Schneider schlendert sie durch das Repertoire eines halben Jahrhunderts, flötet Hits und schmachtet in Liebe, wie es sich für ein anständiges Mädel gehört. Dabei bekommt man das Gefühl, dass sie seit langem nicht mehr so viel Spaß bei der Sache gehabt hat wie mit diesem Projekt. Denn vor dem Hintergrund ihrer beeindruckenden Stimmtechnik, dem warmen und farbigen Timbre und der souveränen Artikulation kann sie sich der Melodien von Strauß bis Künneke voller Inbrunst widmen, ohne den Humor vernachlässigen zu müssen. Mit anderen Worten: Bonney Operetten-Album "Im Chambre séparée" ist ein erfrischend zwangloses und zugleich künstlerisch faszinierendes Kompendium der Ohrwürmer von vorgestern.