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01.08.2003

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Mit "Sturm und Drang" war ursprünglich eine literarische Bewegung neuempfundener Authentizität gemeint, benannt nach einem gleichnamigen Bühnenstück Friedrich Maximilian Klingers. Die Verbindungen zu Haydns Symphonien der Jahre 1766 bis 1773 sind daher eher im übertragenen Sinne zu finden. Denn versteht man "Sturm und Drang" als eine Phase der Grenzwertsuche vor der Konsolidierung der "Klassik", dann passt der Begriff durchaus auf die schöpferische, mittlere Schaffensphase des Komponisten.

Haydn war Teil des Hofstaates des Fürstenhauses Esterházy. Das war zum einen durchaus ein Vorteil, denn auch diese Weise hatte er nicht nur konstant Arbeit, sondern blieb auch regelmäßig mit der Aristokratie in Kontakt, die für die Finanzierung und Aufführung seiner Werke wichtig war. Allerdings hatte der Job auch reichlich Haken: Haydn war gezwungen, mit seinem Dienstherren allsommerlich in die Residenz Esterháza zu ziehen, um sich dort um das akustische Wohl des Fürsten und seiner Familie zu kümmern. Und er bekam eine Menge aufgebrummt.

Sein Biograph Georg August Griesinger beschrieb diese Jahre durchaus bildhaft als sehr anstrengend: "Haydn hatte die Hände voll zu thun; er komponirte, er mußte alle Musiken dirigieren, alles einstudieren helfen, Unterricht geben, sogar sein Klavier im Orchester selber stimmen. Er verwunderte sich öfters, wie es ihm möglich gewesen sey, so vieles zu schreiben, da er so manche Stunden durch mechanische Arbeiten verlieren mußte." Allerdings zwangen die Jahre als Kapellmeister und musikalischer Adlatus der Esterházys auch zu äußerster Disziplin. Haydn konzentrierte sich vollends auf seine Arbeit, denn er hatte gar keine andere Chance, sinnvoll über die Runden zu kommen. Das wiederum veranlasste ihn, in manchen Dingen über sich hinaus zu wachsen. Ebenfalls über Griesinger ist seine berühmte Stellungnahme zur eigenen Kreativität überliefert: "Ich war von der Welt abgesondert, niemand in meiner Nähe konnte mich an mir selbst irre machen und quälen, und so mußte ich original werden".

Und hier sind sie wieder, die Verbindungen zum "Sturm und Drang". Auch den Autoren des ausgehenden 18.Jahrhunderts ging es um das Besondere (im Unterschied zur perfekten Erfüllung des künstlerischen Rahmens während des Barocks). Das Originalgenie war der ideale Typus des aus sich heraus schaffenden Menschen, noch nicht so ausgereift wie Jahrzehnte später in der Romantik, aber bei den jungen Goethes, Schillers, Klopstocks im Kern vorhanden. Insofern suchte auch Haydn die Grenzen des Besonderen, gerade wenn er sich in den 19 Symphonien, die während der Jahre 1766 bis 1773 auf Esterháza entstanden, den Formalismen seiner Epoche näherte. Denn einiges weicht ab von der Norm, ungewöhnliche Tonarten wie H-Dur etwa (in der "Abschieds-Symphonie"), überhaupt die latente Mollvorliebe im Vergleich zum strahlenden Dur des höfischen Barocks.

Solche Zusammenhänge werden deutlich, wenn man die Gelegenheit hat, sich kontinuierlich der Entwicklung von Haydn Tonsprache zu widmen. Die vorliegende 6CD-Box ist daher Studienwerk und musikalischer Genuss zugleich. Vom April 1988 bis zum Dezember des Folgejahres systematisch in der Londoner Henry Wood Hall mit Originalinstrumenten aufgenommen, bietet das Ensemble The English Concert unter der Leitung des Cembalisten Trevor Pinnock ein Klangpanoptikum des frühen und mittleren Haydn. Deutlich merkt man den Werken die komprimierte Arbeitsweise des Komponisten an, der neben seinen Hofgeschäften sich mit der großen Form beschäftigte (die er allerdings für ein vergleichsweise kleines Orchester konzipierte). Deutlich merkt man auch, wie er selbst fugisch oder krebstechnisch experimentierte (etwa im Menuett der Symphonie Nr. 47), um aus der eigenen Erfahrung heraus dann mit den späten Werken die Grenzen der Epoche hinter sich zu lassen. Solches und noch viel mehr lässt sich in der wunderbar leicht fließenden und zugleich ernst interpretierenden Zusammenschau des "Sturm und Drang"-Projektes entdeckten. Eine Studienbox mit vielen verborgenen Hörjuwelen.

Die Referenz:

"Der sehr kantige, pulsorientierte, unbestechliche Musizierstil Trevor Pinnocks hat bei diesen wunderbar jungen, unverbrauchten 'Sturm und Drang-Sinfonien' eine so spontan überzeugende Frische und (Durch-)Schlagskraft, daß man aufspringt und sich nochmals vergewissert:Es ist wirklich eine Haydn-Sinfonie!" (H.C. v. Dadelsen in FonoForum 2/90)

Näheres zur Referenz-Reihe unter http://www.referenzaufnahmen.de