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01.08.2003

Schwingungen

Schwingungen

Debussy blieb hart. Obwohl ihm verschiedene, zum Teil verlockende Angebote gemacht wurden, Auszüge seiner Oper "Pelléas et Mélisande" vorweg als Suite zu veröffentlichen, verweigerte er die Bearbeitungen und äußerte gegenüber einem enttäuschten Dirigenten: "Wenn dieses Werk überhaupt einen Wert hat, dann besteht er in erster Linie in der Verknüpfung des Bühnengeschehens mit der sich entwickelnden Musik". Erst nach der erfolgreichen Uraufführung gab er sich versöhnlicher und erlaubte die Umarbeitung des Stoffes, auf deren Basis Claudio Abbado seine Version für CD konzipierte.

Im Laufe der Jahre gab es mehrere Vorstöße, die Opernmusik zu einer stimmigen Orchestersuite zusammenzustellen. Zunächst war da eine Klavierbearbeitung für den Hausgebrauch höherer Töchter und ambitionierter Salons, die Léon Roques als "Pelléas Fantasie" vorlegte. Sie stellte eine wenig erweiterten Zusammenfassung der musikalischen Höhepunkte dar, ein Potpourri eher als eine wirkliche künstlerische Weiterführung. Bald darauf allerdings widmeten sich Dirigenten der Transkribierung, um die reizvollen Melodien und Stimmungen in das Konzertrepertoire übernehmen zu können. Darunter waren John Barbirolli, Pierre Monteux, Marius Constant und auch Erich Leinsdorf, auf dessen Orchester-Suite sich Claudio Abbado 1999 bezog, als er mit den Berliner Philharmonikern in deren Stammhaus im Dezember 1998 die "Concert-Suite Pelléas et Mélisande" öffentlich vorstellte. Er nahm einige Veränderungen vor, ergänzte das Programm um mehrere Orchesterpassagen direkt aus der Oper, die das musikalische Ensemble unabhängig von den Vokalisten präsentierte. Der Charakter des Stückes verändert sich auf diese Weise noch zugunsten der Stimmungen und immanenter Entwicklungen, psychologisierend nach innen gewandt und wenig an Handlungspunkten wie Pelléas' Tod orientiert.

Diese Tendenz setzen auch die übrigen Stücke des Debussy-Albums fort. Von den zwischen 1897 und 1899 entstanden "3 Nocturnes" sagte der Komponist selbst, dass sie "vor allem eine dekorative Bedeutung haben", die sich nicht auf die übliche Form der Nocturnes beziehe, "sondern auf all die unterschiedlichen Impressionen und speziellen Lichteffekte, die das Wort suggeriert". Darüber hinaus meinte er Freunden gegenüber, dass seine Klangmalereien von "Nuages" (Wolken) und "Fêtes" (Feste) durch eigene Erfahrungen inspiriert worden seien, "Sirènes" (Gesang der Sirenen) hingegen der Phantasie entsprangen. Das "Prélude à l'après-midi d'un faune" schließlich entstammte ebenfalls einem mythischen Zusammenhang. Angeregt durch ein Gedicht von Mallarmé, allerdings ohne den Hintergrund, eine tatsächlichen Umsetzung der Worte (also der philosophischen Reflexionen des Faunes über die tatsächliche oder ersonnene Begegnung mit zwei Nymphen) war aber nicht geplant. Vielmehr nützt Debussy die poetische Vorlage als freien Assoziationsraum für seine schwebenden Klänge, die der Hörer entsprechend eigener Vorstellungen füllen konnte. So kann Abbado vom "Faun" über die "Nocturnes" bis hin zur "Pelléas-Suite" eine aufsteigende Linie konzeptueller Dramatik entwickeln, die von der Farbigkeit immer deutlicher zur Abstraktion und Psychologisierung der Musik führt. Und einmal mehr kann er beweisen, dass man mit den Berlinern ein verblüffendes Spektrum der Ausdrucksnuancen zur Verfügung hat, wenn man sie hervorzulocken weiß.