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25.07.2003

Tundra und Tararen

Tundra und Tararen

Sie haben Beinamen wie "der Schreckliche" und sind finstere, gefährliche Gesellen mit traurig molldurchwirkten Gesängen. So will es das Klischee. Tatsächlich nehmen ein paar Stücke der Liedersammlung "Russian Voices", Prokofjews "Vocalise" etwa oder auch Swiridows "Es trafen sich Vater und Sohn", auf die Stereotypen der Kulturwahrnehmung Bezug. Doch das ist noch lange nicht alles, was die russische Chorseele zu bieten hat.

Was für Verse: "Der Wind kam schwankend von beiden Seiten / Der Vater schwang seinen Degen / Der Sohn erhob sich in den Steigbügeln / Das flache Tal entfaltete sein farbiges Pfauenrad / Da rollte das Tal hinab des Sohnes Kopf, Ah.../ Durch die Blumen, durch das Lungenkraut, direkt auf die helle Sonne zu / vorbei an den Ähren des Weizens, vorbei am dichten Wald". Tiefe Männerstimmen verkünden das bittere Geschehen, engelshafte Frauen antworten darauf, greifen ineinander, voller Trauer, Wut, Entsetzen - so viel Dramatik innerhalb eines Poems. Es ist eines von "Fünf Chorstücken nach Worten russischer Dichter", zu dem sich Georgi Swiridow (1915-98) hat inspirieren lassen. Als einer der bedeutendsten Komponisten der russischen Vokalmusik im vergangenen Jahrhundert nehmen seine Werke in der Sammlung "Russian Voices" eine besondere Stellung ein. Rund die Hälfte der Melodien stammen von ihm, dazu kommen sechs Choräle von Sergei Tanejew (1856-1918), einem Schüler Tschaikowskis, der lange Jahre als Direktor des Moskauer Konservatoriums dabei half, die junge Szene seines Landes auf den Weg zu bringen. Während seiner Zeit gingen Schüler wie Rachmaninow und Skrjabin aus den Reihen des Instituts hervor, Persönlichkeiten, die die Form der modernen russischen Musik nachhaltig beeinflussen sollten. Tanejew selbst jedoch hielt sich im Hintergrund, suchte nach Urformen der einheimischen Klangwelt, die er in ein passendes Gewand stecken konnte. Schließlich sind da noch jeweils ein Stück von Moderst Mussorgski und Sergej Prokofjew, um den Reigen der illustren Chorkomponisten zu vervollständigen.

"Russian Voices" sind eine Zusammenstellung russischer Impressionen, aber keine Anbiederung an den exotistischen Geschmack des musikalischen Hörtourismus. Das liegt an der sorgfältigen Behandlung des Repertoires durch Vladimir Minin und den Staatlich Akademischen Kammerchor Moskau. Das Ensemble wurde bereits 1972 aus Studenten, Lehrern und Ehemaligen des renommierten Gnessin-Musikinstituts gegründet und kümmert sich seitdem regelmäßig um die Pflege des einheimischen Vokalrepertoires. Im Laufe der Jahre ist es den Beteiligten gelungen, einen eigenständigen Gesamtklang zu entwickeln, zu dem es kaum Vergleiche gibt. Die Homogenität der Stimmen, die klar fließende und pointierte Melodieführung bei gleichzeitig umfassendem Tonumfang, die enorme Spannweite der dynamischen Ausdruckskraft machen den Moskauer Kammerchor zu einem einmaligen Ensemble, von dem man sich wünscht, dass es noch mehr Programme wie "Russian Voices" verwirklichen werde.