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18.07.2003

Historienkampf

Historienkampf

Verdis Zeitgenossen war die Oper zu schwer, zu lang, zu kompliziert. Trotz mehrfacher Veränderungen im Anschluss an die Uraufführung 1867 in Paris, geriet sie in Vergessenheit, bis zur Verdi-Renaissance in der fünfziger Jahren des folgenden Jahrhunderts. Trotz ihrer Opulenz und Sperrigkeit gehört sie inzwischen zu den angesehensten Opern des Komponisten, nicht zuletzt weil Koryphäen wie Sir Georg Solti mit ihren Aufnahmen Maßstäbe der Werkwahrnehmung gesetzt haben.

Giuseppe Verdi war mit Friedrich Schillers Texten vertraut. Bereits dreimal dienten sie als Vorlagen für seine Opern. "Giovanna D'Arco" (1845) basierte auf "Die Jungfrau von Orleans", "I Masnadieri" (1847) auf "Die Räuber" und "Luisa Miller" (1849) auf "Kabale und Liebe". Als ihm nun das Pariser Operhaus den Auftrag für ein neues Werk in Aussicht stellte und ihm zur Vorlage "König Lear", "Kleopatra" und "Don Carlos" anbot, entschied er sich wieder für das Schillersche Schauspiel. Und es muss ihm bereits klar gewesen sein, dass er sich damit auf einen musikdramaturgisch komplexen Stoff einließ, dessen Vertonung zahlreiche Probleme aufwerfen wird. Schon der Original-"Don Carlos" war als erstes programmatisch klassisches Stück Schillers mit vielen gestalterischen Fußangeln versehen. Die ursprüngliche Konstellation - Vater Philipp II und Sohn Don Carlos konkurrieren um die gleiche Elisabeth - war mit zahlreichen weiteren Fragestellungen überlagert - Idealismus vs Realismus, Freiheit vs Despotismus, Staat vs Kirche -, sodass genau genommen zuviel Inhalt für ein Libretto vorlag, das sich noch sinnvoll und konzise hätte entwickeln lassen können. Dementsprechend gibt es im "Don Carlo" auch mehrere problematische Stellen, vom eigenartigen Missverhältnis von Ernst und burlesken Passagen über das Fehlen einer zentralen Bezugsperson bis hin zur Länge, die weit über das gewohnte Maß hinaus ging, das das französischen Publikum vertrug.

Die Folge war eine zumindest partielle Ablehnung des Stücks. Verdi schuf daraufhin mehrere umgearbeitete Versionen und Strichfassungen, die zum Teil einen ganzen Akt herauskürzten. Und die Musikhistoriker hatten Jahrzehnte später viel zu tun, um aus der Fülle der Materialien eine nachvollziehbare Variante zusammen zu stellen, die den Intentionen des Autors möglichst nahe kam. So war es auch für Sir Georg Solti eine Herausforderung, dem "Don Carlo" eine Form zu geben, die den Widersprüchen und Problemen zum Trotz das Werk in seiner Kraft erstrahlen ließen.

Die Voraussetzungen waren gut. Solti hatte mit Carlo Bergonzi (Don Carlo), Dietrich Fischer-Dieskau (Rodrigo) und Renata Tebaldi (Elisabetta) herausragende Solisten zu Verfügung, dirigierte mit dem Orchestra of the Royal Opera House ein erfahrenes Ensemble, das außerdem mit dem Covent Garden auf einen illustren Spielort zurück greifen konnte. Die Aufnahmen selbst entstanden dann im Juni und Juli 1965 im London Opera Centre. Es war eine Gratwanderung, denn die große Form der Oper und die auslandende Erzählstruktur hätten genügend Redundanzen produzieren können. Solti jedoch steuerte mit Tempo und Energie dagegen, so dass aus dem kopflastigen Stoff doch noch ein musikalisches Ereignis werden konnte. Seine Aufnahme der fünfaktigen kompletten Version des "Don Carlo" für die Decca wurde dadurch zum Maßstab. Auch beinahe vier Jahrzehnte nach ihrer Entstehung ist sie noch Referenz, wegen ihres Wagemuts, ihrer Konsequenz und der gekonnten Spannungsführung selbst über die reflexiven und überfrachteten Passagen hinweg.

"Eine Aufnahme der Superlative: Großartiges Dirigat, fabelhaft aufspielendes Orchester, beste Chöre...und hervorragende Gesangsleistungen, dazu eine beispielhafte Klangqualität." ("Grand Prix du Disque" stereoplay 9/88)

Näheres zur Referenz-Reihe unter http://www.referenzaufnahmen.de