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18.07.2003

Rache der Frau, Sieg der Liebe

Rache der Frau, Sieg der Liebe

Es ist ein blutrünstiges Spektakel, mit Hinrichtungen, Massenhysterie, großen Gesten voller Bedeutungsmacht. Insofern passt Puccinis "Turandot" bestens in die sensationslüsternen zwanziger Jahre. Es ist eine der letzten großen italienischen Opern, mit Pomp und Exotismus, die vor allem dann begeistern kann, wenn sie wie an der Metropolitan Opera in all ihrer optischen Pracht gefeiert wird.

Giacomo Puccini hatte durchaus seine Zweifel, ob er das Projekt jemals würde beenden können. Gegenüber seinem favorisierten Dirigenten für die Uraufführung Arturo Toscanini meinte er salopp: "Meine Oper wird unvollendet gegeben werden, und dann wird jemand auf die Bühne kommen und dem Publikum sagen: An dieser Stelle starb der Komponist." Bevor er einen Großteil des Werkes vollendet hatte, meinte er in einem anderen Gespräch mit Sybil Seligmann: "So wie ich die Oper vor mir sehe, ist sie sehr schön - aber werde ich das auch aufschreiben können, und werde ich es gut können? Ich zweifle ein wenig, weil es die Art Oper ist, die mir Angst macht; mir wäre irgend etwas Andersartiges lieber gewesen". Puccini hat den Stoff trotzdem gewählt und ihn zu einem der erfolgreichsten Bühnenstücke des Musiktheaters verarbeitet. Die Vorlage stammte von Carlo Gozzi, dem Widersacher Carlo Goldonis im Streit um die Theatertheorie des 18.Jahrhunderts. "Turandotte" war eines von zehn Märchenspielen, die zwischen 1761 und 1765 entstanden. Es war seinerseits bereits ein Stoff der persischen Erzähltradition und wurde von Gozzi ganz im Sinne der Comedia dell'Arte gestaltet.

Puccini ließ sich vom Plot, aber auch von einer Inszenierung des Dramas durch Max Reinhardt 1911 in Berlin faszinieren, die ihm über Fotos und Erzählungen zugänglich gemacht wurde. Für das Libretto sorgten Giuseppe Adami und Renato Simoni, nicht immer zur Freude des Komponisten, der über die Verzögerungen der Arbeit klagte. Puccini war aber auf der anderen Seite auch von der Herausforderung begeistert, an der Schwelle zu einer neuen Zeit sowohl die eigenen Erfahrungen zusammen zu fassen, als auch auf die vielen Einflüsse zu reagieren, die von Wagner über den Verismo bis hin zu Debussy das Musikschaffen prägten - immerhin gab es schon Kollegen wie Schönberg, der künstlerisch ganz anderes im Sinn hatte, und Visionäre anderer Medien wie Fritz Lang, die neue Maßstäbe der Raumgestaltung und Erzählhaltung setzten. So wurde "Turandot" zu einer letzten Kraftanstrengung, deren Uraufführung 1926 in Mailand Puccini nicht mehr erlebte, und die tatsächlich bei den Schlussszenen von seinem Vertrauten Franco Alfano vervollständigt werden musste.

"Turandot" ist zugleich Vermächtnis und Anachronismus, exotistische Bühnenphantasie und psychologisierende Charakterstudie am Beispiel eines traditionellen Stoffes. Für eine Inszenierung bieten sich daher viele Möglichkeiten der Umsetzung an, von der Abstraktion des Kampfes zwischen Ehre und Liebe bis hin zum bunt schillernden Historienspiel. Der Regisseur Franco Zeffirelli wählte für seine Neufassung der Oper an der Met eine Verknüpfung von pittoresker Architektur mit opulentem Kostümaufwand. Die im April 1987 entstandene Filmversion der Aufführung entführt den Zuschauer daher in eine assoziative Welt chinesischer Kulturimaginationen, die sowohl mit historischen Klischees von der Comedia Dell'Arte bis zur Pekingoper arbeitet, als auch über die Massenszene modernistische Bildelemente integriert. Auf diese Weise gelingt ihm eine optische Ausdruckswucht, die die Musik idealtypisch ergänzt.

Darüber hinaus sind es aber Dirigent, Orchester und Ensemble, die die Aufführung in ein Opererlebnis verwandeln. James Levine hat das Metropolitan Orchestra souverän im Griff und verleitet es zu wild pathetischem Überschwang. Sängerinnen und Sänger wie Leona Mitchell (Liu), Eva Marton (Turandot) und Plácido Domingo (Calaf) schaffen eine verblüffende Präsenz des Geschehens, so dass selbst der unzeitgemäß märchenhafte Plot nicht absurd erscheint. Wie sehr dazu auch die Ausstrahlung der Personen auf der Bühne beiträgt, wird dabei etwa bei der Arie "Nessun dorma!" deutlich, die Domingo so leidenschaftlich vorträgt, dass das Haus vor Szenenapplaus nur so bebt. So verhilft die DVD im räumlich brillanten Dolby Digital 5.1 oder DTS 5.1 Surround- Sound all denen zu einem profunden Opernerlebnis, die nicht die Möglichkeit hatten, die hochgelobten Aufführungen an der Met persönlich zu erleben. Eine Bereicherung nicht nur für Puccini-Freunde.