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04.07.2003
Claudio Abbado

Resümee der Kunst

Claudio Abbado, Resümee der Kunst

Ergriffenheit lässt sich nicht erzwingen. Sie gehört zu den Geheimnissen, die große Interpreten wahren. Als Claudio Abbado im September 1999 in der Berliner Philharmonie Mahlers "9. Symphonie" dirigierte, war das Publikum wie paralysiert von seiner Fähigkeit, aus der Partitur ein Kunstwerk voll inwendiger Kraft zu gestalten. Schon deshalb hat diese Aufnahme ihren wohlverdienten Platz in der Referenz-Reihe.

Für Gustav Mahler waren es bewegte Jahre. Nachdem ihn eine üble Pressekampagne aus seinen Ämtern in Wien gemobbt hatte, war er einem Ruf nach New York als Dirigent an die Metropolitan Opera gefolgt. Die Sommermonate jedoch verbrachte er regelmäßig in Europa und zog sich in sein Komponierhäusl nach Toblach zurück. Mit der nötigen kreativen Ruhe war es jedoch nicht immer so weit her. Über das Leben am Trenkerhof berichtete Mahler an seine Frau Alma: "Das Haus und der Platz ist wonnig, bis auf den Lärm, der mich ohne Unterlass geniert. Entweder flüstern die Bauern, dass die Fenster klirren oder sie gehen auf den Fußspitzen, dass das Haus wakelt. Die beiden Munteren Stammhalter zwitschern den ganzen Tag. [...] Der Hund lässt mich auch wieder fühlen, dass ich ein 'Mensch unter Menschen' bin und bellt von Anbruch der Dämmerung bis in die süßen Träume der Bauernjageln hinein. Ich komme alle Viertelstunde auf und gedenke der sanft Schnarchenden - Hol es der Teufel: Wie schön wäre die Welt, wenn man zwei Joch umzäunt hätte und mittendrin allein wäre".

 

Immerhin, Mahler schaffte den Absprung in die Arbeit und schuf über den Sommer 1909 hinweg seine 9. Symphonie, die er bereits im Vorjahr begonnen hatte. Seinem Freund Bruno Walter berichtete er nicht ohne Stolz: "Ich war sehr fleißig und lege eben letzte Hand an eine neue Symphonie [...] Das Werk selbst (Soweit ich es kenne, denn ich habe bis jetzt nur blind darauf losgeschrieben und kenne jetzt - wo ich den letzten Satz eben zu instrumentieren beginne - den ersten nicht mehr) ist eine sehr günstige Bereicherung meiner kleinen Familie. Es ist da etwas gesagt, das ich seit längere Zeit auf den Lippen habe - vielleicht (als Ganzes) am ehesten der IV. an die sie Seite zu stellen. (Doch ganz anders.) Die Partitur ist bei der wahnsinnigen Eile recht schleuderhaft und für fremde Augen wohl ganz unleserlich. Und so möchte ich es sehnlichst wünschen, dass es mir heuer im Winter gegönnt sein möge, eine Reinpartitur herzustellen".

 

Tatsächlich verfertigte Mahler in New York noch eine klarere Abschrift. Die Uraufführung am 26. Juni 1912 musste jedoch sein Freund Walter dirigieren, denn der Komponist starb bereits mehr als ein Jahr zuvor. Als letzte vollständige Symphonie wird die Neunte daher als ein Abschiedswerk gedeutet, zumal Mahler sich inhaltlich deutlich von Themen wie Tod und Erinnerung inspirieren ließ. Für Claudio Abbado war es eine besondere Aufgabe, das komplexe Oeuvre - von dem Theodor W. Adorno meinte, es sei das "erste Werk der neuen Musik" - mit den Berliner Philharmonikern einzustudieren. Im September 1999 in der Berliner Philharmonie aufgeführt, dokumentiert seine Interpretation eine Deutlichkeit und Unmittelbarkeit, die selten bei derartig monumentalen Kompositionen gelingt. Das analytisch Kompakte des ersten Satzes mündet in brillant herausgearbeitete, burleske Tanzhaftigkeit im zweiten. Die groteske stilistische Übersteigerung des Populären im dritten Satz wiederum findet im behutsam ausklingenden Finale ihre Conclusio. Abbado Mahler jedenfalls beeindruckte das Publikum derart nachhaltig, dass erst eine halbe Minute nach Ende des Konzerts die ersten Zuhörer zu klatschen wagten.

 

Die Referenz:

 

"Abbado gibt gleichmäßigen Tempi den Vorzug und verleiht dem ganzen Werk dadurch mehr Kraft; hier erleben wir ein großartiges Ereignis, eingefangen wie im Freiflug." (Penguin Guide)

 

Näheres zur Referenz-Reihe unter http://www.referenzaufnahmen.de