Klassik Newsletter

Sie wollen immer aktuell informiert sein? Unser Newsletterservice versorgt Sie wöchentlich mit allem zum Thema klassische Musik.

OK

Nichts verpassen

Nutzen Sie KlassikAkzente Online auch wenn Sie nicht auf unserer Seite sind:
Social Networks:

Artikel

27.06.2003

Der Unzeitgemäße

Der Unzeitgemäße

Wagner intrigierte. Vielleicht nicht persönlich, aber doch deutlich durch seine Mittelsmänner. Immerhin hatte der Wiener Hofopernleiter Salvi seinen Kontrahenten Offenbach mit dessen Oper "Les Fées du Rhin" dem eigentlich an derselben Stelle des Programms vorgesehenen "Tristan" vorgezogen. Das war unerhört, ein Sakrileg und so polterte die Musikpresse mit allen möglichen Mittel gegen die Aufführung des Werkes. Und hatte Erfolg, denn bis heute sind die "Rheinnixen" beinahe vergessen und waren bis vor kurzem nicht einmal in einer vollständigen Partitur greifbar.

Jacques Offenbach hatte ein Talent für ungünstige Konstellationen und unpassende Zeitpunkte. Beispiel "Les Fées du Rhin". Im Jahr 1863 wurde die romantische Oper von der Leitung des Wiener Hofoperntheaters in Auftrag gegeben. Das Werk wurde daher auf deutsch gesungen, von Offenbach allerdings zunächst anhand eines französischen Librettos entwickelt, das er zusammen mit Charles Louis Etienne Truinet, genannt Nuitter, geschrieben hatte. Der Stoff war pikant. Die Oper handelt 1522, zur Zeit der Bauernkriege, also des ersten nachhaltigen Volksaufstandes in der Geschichte Europas gegen die feudale Vorherrschaft von Adel und Kirche. Ort des Geschehens ist die Gegend um Kreuznach, der Einflussbereich des lutheranischen Franz von Sickingen, am mythisch-ideologisch verklärten Grenzfluss zwischen Frankreich und den deutschen Fürstentümern. Die männlichen Protagonisten Franz und Conrad sind durchaus negativ gezeichnet, ersterer als kriegsversehrter Teilschwachkopf mit partieller Amnesie, der andere als zynischer Landsknecht. Beide kommen letztlich durch die Kraft des Weiblichen in Gestalt der Antagonistinnen Armgard und Hedwig wieder zur Raison, die da heißt, zugunsten eines friedlich demokratisch geprägten Umfeldes dem Kriegshandwerk abzuschwören.

Das war natürlich gewagt. Zum einen war der von Bismarck gelenkte preußische Staat eben im Begriff, gewaltsam und über die Köpfe des Volkes hinweg die Reichseinigung Deutschlands herbeizuführen. Der Sieg über Frankreich anno 1870/71 endete demonstrativ mit der demütigenden Kaiserkrönung von Wilhelm I. im Spiegelsaal von Versailles. Zum anderen bot Jacques Offenbach als deutsch-jüdischer Wahlfranzose mit pazifistischer Haltung genügend Angriffsfläche für populistische und (modisch) antisemitische Angriffe aller Art. Hinzu kam, dass die Uraufführung am Wiener Hofoperntheater am 4.Februar 1864 ebenfalls von Problemen überschattet war. Der psychisch erkrankte Hauptdarsteller war nicht in der Lage, den Text sich vollständig zu merken, das ganze Werk war außerdem zu lang, so dass Offenbach auf Kosten der Kohärenz weite Passagen streichen musste. Der Komponist selbst konnte, ebenfalls aufgrund einer Erkrankung, sein Werk nicht dirigieren, und so war die Premiere in vieler Hinsicht ein Kompromiss. Die Aufführung wurde vom Publikum trotzdem geliebt, von der Kritik allerdings weitgehend abgelehnt. Selbst Offenbachs Fürsprecher Eduard Hanslick hielt sich in der Beurteilung zurück. So geriet das Werk trotz einiger weiterer Inszenierungen etwa in Paris in Vergessenheit. Und die Partitur zerstreute sich in Einzelteilen über die ganze Welt.

Die Rekonstrukteure der Oper wie Jean-Christophe Keck hatten daher zunächst Recherchearbeit zu leisten. Nachdem mühsam aus verschiedenen handschriftlichen und gedruckten Quellen eine den historisch-kritischen Anforderungen genügende Vorlage erstellt worden war, konnte man sich an der Oper von Montpellier unter der Leitung von Friedemann Layer endlich an die Arbeit machen. So kam es am 30.Juli 2002 im Rahmen des Festival de Radio France et Montpellier zu einer Wiederentdeckung eines großartigen Werkes, das in seiner ganzen Dimension erst noch in den folgenden Jahren erforscht werden wird. Fest steht aber heute schon, dass "Les Fées du Rhin/ Die Rheinnixen" den gerne ausschließlich als Unterhaltungsspezialist abgestempelten Offenbach in neuem Licht präsentieren wird. Denn seine nun erstmals in einer Gesamteinspielung vorliegende Oper ist ein klangmächtiges und zutiefst humanistisch geprägtes Kulturereignis, das es verdient, in die Spielpläne der großen Häuser aufgenommen zu werden. Zumal in Zeiten wie diesen.