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20.06.2003

Die Botschafterin

Die Botschafterin

Im Dezember 1996 wurde Mercedes Sosa im argentinischen Kongress als "Persönlichkeit von nationaler Bedeutung im Bereich der Kultur" geehrt, für ihre "künstlerischen Verdienste um die Bewahrung der Volksmusik". Das entspricht zwar nicht ganz dem, was sie eigentlich tut, ist aber immerhin ein deutliches Zeichen offizieller Wertschätzung. Denn nicht immer standen die Machthaber ihrer Heimat so gut mit der Sängerin, die sich auf keine ideologischen Kompromisse einlassen wollte.

Mercedes Sosa hat viel erlebt. Sie wurde gefeiert, dann verjagt, schließlich als Grande Dame der argentinischen Musik geehrt. Ihre emotionsstarke, dunkle Stimme, aber auch das Talent, die richtigen Worte zum passenden Zeitpunkt zu wählen, ließen sie schon vor rund vier Jahrzehnten auf der Bühne wie im Radio zur gefragten Persönlichkeit werden. Und dass es so kam, hing mit vielen Zufällen zusammen. Am 9.Juli 1935 in San Miguel De Tucumán geboren, wuchs Sosa in einfachen Verhältnissen auf. Musik, ob im Radio oder selbstgemacht, gehörte zum Klangalltag in einer Zeit, die medial noch nicht übersättigt war. Die kleine Mercedes entwickelte daher eine enge Bindung zu volksmusikalischen Klängen. Sie tanzte gerne und sang inspiriert, ohne allerdings ihr Talent als solches wahrzunehmen. Zu ihrem ersten Wettbewerb bei einem lokalen Rundfunksender im Oktober 1950 wurde sie von begeisterten Freunden überredet. Sie gewann, durfte daraufhin über zwei Monate hinweg regelmäßig auf Sendung bleiben und erkannte, dass ihre Stimme für viele Menschen mehr als nur Unterhaltung war. Mercedes Sosa beschloss, ihr Leben der Musik zu widmen.

Über ihren damaligen Ehemann Manuel Oscar Matus bekam die junge Frau Kontakt mit dem "Nueva Canción", der von Chile und Argentinien aus den Künstlern und Intellektuellen Südamerikas neue Impulse gab. Es war politische Musik in einer wechselhaften Epoche, die mal Liebeslied, mal Souvenir, aber auch verbale Waffe sein konnte. Die im Kern konservative Bewegung, die vor allem vom Aussterben bedrohte musikalische Formen wie Chacarera, Zamba oder Chamame zu bewahren versuchte, entwickelte sich bald vom harmlosen Nachdenken über die Vergangenheit zur für die Interpreten gefährlichen Reflexion über die Gegenwart. Mit der Machtübernahme der Militärs wurden die Spielräume kritischen Denkens schlagartig klein und verhinderten jegliche Form produktiven Freigeistes. Die Diktatur machte nicht einmal bei populären Gestalten wie Mercedes Sosa halt. Sie wurde 1978 in einer spektakulären Aktion bei einem Konzert einschließlich ihres Publikums verhaftet und daraufhin aus Argentinien ausgewiesen.

Die zwangsexilierte Sängerin entwickelte sich daraufhin zu einer der prägenden Stimmen argentinischer Kultur im internationalen Ausland. Nachdem die Militärjunta im Juni 1982 den Falkland-Krieg verloren hatte und das Land daraufhin langsam zur Demokratie zurückfand, kehrte auch die große Sängerin in ihre Heimat zurück. Die früheren Hörer bedankten sich, indem sie ihrer damaligen aktuellen Platten zu Hitparaden-Notierungen verhalfen. Sosa revanchierte sich mit Konzerten, Tourneen, neuen Alben, die fast ausnahmslos zu Kassenschlagern wurden. Auch nach Jahren trafen ihre Worte noch die Stimmungen der Menschen und so fanden auch die kommenden Generationen zu den ernsten, ehrlichen Liedern der Frau aus dem Volke. Und so sind ihre Konzerte in Buenos Aires bis heute Kulttermine. Nach schwerer Krankheit schaffte sie Ende der neunziger Jahre noch einmal den Neuanfang auf der Bühne. Insofern ist das aus zwei Konzerten in der argentinischen Hauptstadt zusammengestellte Doppelalbum "Acustico" ein besonderes Dokument künstlerischer Klarheit. Denn deutlicher, kraftvoller und in der Wahl der dramatischen Mittel pointierter konnte man Mercedes Sosa bislang kaum erleben.