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20.06.2003
Pierre Boulez

Natur, Kultur, Gefühl

Pierre Boulez, Natur, Kultur, Gefühl

Es war Gustav Mahlers Ziel, eine ganze Welt vor den Ohren seiner Hörerschaft auszubreiten. Sie sollte die unbelebte Natur und ihr Erwachen gleichermaßen umfassen wie die Natur mit Pflanzen und Tieren. Das Ziel war die Darstellung menschlicher Gefühle bis hin zur allumfassenden göttlichen Liebe. Entsprechend vielfältig sind die musikalischen Typen, die er nebeneinander stellt um seine Anschauung zu verdeutlichen. Hier beginnen die Probleme eines jeden Dirigenten, der sich diesem Werk interpretierend nähert.

Denn es gilt trivial anmutende Passagen wie etwa Marschmäßiges oder die bekannte Posthorn-Episode neben Momenten größter Innigkeit und Zartheit darzustellen. Hier wären z.B. Zarathustras Mitternachtslied oder das Finale zu nennen, das mit feiner, reiner Klangschönheit aufwartet. Pierre Boulez ist ein Interpret, der die Musik direkt aus der Partitur erschließt. So gerät er gar nicht in die Gefahr, der viele Dirigenten erlegen sind, die Kanten der symphonischen Bausteine abzuschleifen, zu beschönigen. Triviales erklingt trivial, schön Gemeintes schön. So werden z.B. die Vogelstimmen im vierten Satz in den Holzbläsern so realistisch wie möglich wiedergegeben. Mahler schreibt dazu in der Partitur vor: "hinaufziehen (Wie ein Naturlaut)."

 

Durchweg befolgt er Dynamik- wie auch Tempoanweisungen penibel genau, ohne jedoch den symphonischen Zusammenhang aus den Augen zu verlieren. Und als konzeptionell hilfreich erweist sich dabei die SACD Mehrkanaltechnik. Für das Flügelhorn im dritten Satz verlangt Mahler eine Interpretation, die "frei vorgetragen, wie aus weiter Ferne, wie die Weise eines Posthorns" sein soll. Hier haben die vorzüglichen Tontechniker der Emil Berliner Studios die Wiedergabe des sogenannten Posthornes nach rechts hinten vergeben, und es klingt, als kämen die Töne von weit außerhalb des Konzertsaales.

 

Sehr innig ist auch der Vortrag von Anne Sofie von Otter im 4. und 5. Satz, dort unterstützt von den Frauenstimmen des Wiener Singvereins und den Wiener Sängerknaben. Lediglich die Quintole zwei Takte vor Ziffer 2 im 4. Satz nimmt sie in eigenwilligem Tempo, was mit dem geforderten poco ritardando nicht wirklich erklärbar ist. Die Qualitäten der Wiener Philharmoniker zu loben, hieße wiederum Wasser in die Donau schütten. So gerät die gesamte Symphonie und speziell das Finale zu einem unverfälschten, freudigen Hörereignis. "Sehr gebunden, sehr ausdrucksvoll gesungen" lässt Boulez die Streicher zu Werke gehen, die vorzügliche Blechsektion steht zu keiner Zeit nach und verwöhnt mit rundem, strahlenden Klang.

 

Fazit. Eine rundum gelungene Mahler-Interpretationen der letzten Jahre, unterstützt traumhafter Tontechnik, die keine, aber auch keine Wünsche offen lässt.