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12.06.2003

Ein ideales Paar

Ein ideales Paar

Das Duo Fritz Wunderlich und Hubert Giesen gehört zu den Glücksfällen der Tonkunst. Auf der einen Seite ein Tenor, der die Monumente des Kunstliedrepertoires mit verblüffender Natürlichkeit zu interpretieren vermag. Auf der anderen ein Begleiter, der in behutsamer und intelligenter Weise die Spannungsbogen des Sänger mitgestaltet, so dass die Stärken der Worte wie der Melodien erst wirklich in Erscheinung treten. In der Summe ergibt das eine Idealkonstellation und die Aufnahmen der "Dichterliebe" wie der Schubert- und Beethoven-Lieder sind daher Dokumente künstlerischer Sternstunden.

Fritz Wunderlich war in vieler Hinsicht ein ungewöhnlicher Künstler. Anno 1930 im pfälzischen Kusel als Sohn eines Kapellmeisters und einer Geigerin geboren, zeigte er schnell eine ungewöhnliche musikalische Begabung. Die Eltern ließen ihm daher eine profunde klassische Ausbildung zukommen, die sich Wunderlich allerdings selbst mitfinanzierte, indem er ein Tanzorchester leitete. An der Freiburger Musikhochschule, wo er von 1950 bis 1955 studierte, kam er über seine Lehrerin Margarethe von Winterfeldt zunächst mit der Alten Musik und den Kompositionen des Barocks zusammen. Seit seinem Debüt in Stuttgart mit dem Tamino in der "Zauberflöte" 1955 aber wurde er als Opersänger bekannt und mit Belmonte, Graf Almaviva, Alfredo, Lesnki oder Palestrina assoziiert. Wunderlich schaffte spielend den Einstieg in die italienische Oper, sang Geistliches bei Bach ebenso wie Zeitgenössisches bei Orff und Egk. Er wurde zum Dauergast an der Wiener Oper, dem Covent Garden, der Städtischen Oper Berlin und gehörte zwei Jahre lang dem Ensemble der Münchner Oper an.

Als ob das noch nicht genug gewesen wäre, bewährte sich Wunderlich auch bald als Interpret von Liedprogrammen. Wer sich ein wenig auskannte, konnte quasi monatlich nach verfolgen, wie sich Diktion und Artikulation von Auftritt zu Auftritt und Rolle zu Rolle verbesserten. Mitte der Sechziger schließlich hatte er ein Niveau erreicht, bei dem selbst Kollegen nur noch ins Schwärmen kamen. Wunderlich war zur prägenden Stimme seiner Generation aufgestiegen, ohne seine Karriere zu forcieren. Er hatte nahezu ausschließlich durch Fleiß und Begabung überzeugt. Und genau zu diesem Zeitpunkt bot ihm die Deutsche Grammophon an, die Höhepunkte der romantischen Liedkunst auf Platte zu verewigen. Schumanns "Dichterliebe" wurde im Oktober und November 1965 in der Münchner Hochschule für Musik auf Bändern festgehalten, die Werke von Schubert und Beethoven folgten im Juli 1966 im Saal der Akademie der Wissenschaften.

Es wurden Meilensteine der Interpretationsgeschichte. Denn Wunderlich hatte etwas, das in der klassischen Gesangstradition nur sehr selten vorkommt. Obwohl er es mit künstlerisch enorm anspruchsvollen Vorlagen zu tun hatte, wirkte er, als seien die Lieder das Natürlichste von der Welt. Diktion und Artikulation waren von ausgesuchter Klarheit, präzise bis in die kleinste Nuance und dennoch spontan im Ausdruck. Die Gefühle erschienen echt, trotz der durchaus ironischen Passagen etwa bei Heine, und verbanden Integrität, ja Intimität mit Humor (zum Beispiel "Ein Jüngling liebt ein Mädchen"). Der Pianist Hubert Giesen, ein erfahrener Begleiter mit aufmerksamem Ohr für feine Schwebungen und Differenzierungen, traf wiederum nicht nur das ideale Tempo, sondern auch die dynamische Klangraumästhetik, die das Romantische nicht ins Sentimentale kippen ließ. So entstanden Aufnahmen, die schon kurz nach ihrer Veröffentlichung als Klassiker galten und bis heute nichts von ihrem Reiz verloren haben.