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30.05.2003

Jahrhundertstimme

Jahrhundertstimme

Noch heute kommen Kenner ins Sinnieren, wenn sie an Fritz Wunderlich und an die Möglichkeiten denken, die der Tenor aus dem pfälzischen Kusel gehabt hätte. Doch das Schicksal wollte es anders und ließ ihn im September 1966 bei einem Treppensturz verunglücken. So bleibt Wunderlich eines der größten Talente des vergangenen Musikjahrhunderts und sein unvollendetes Werk ein Vermächtnis auf Tonbändern, das im Rahmen der Wunderlich-Edition schrittweise zugänglich gemacht wird.

Wunderlichs letzter Liederabend fand am 4.September 1966 im schottischen Edinburgh statt. Der Sänger war mit der Württembergischen Staatsoper zum Festival angereist und bot darüber hinaus einen eigenes Recital in der Usher Hall mit Hubert Giesen am Klavier. Das Repertoire war bewährt, Schubert, Beethoven, Schumanns "Dichterliebe". Und der Abend hat das Publikum tief bewegt. Die Sopranistin Hetty Plümacher, die sich das Konzert angehört hatte, erzählte später einem Journalisten: "Wir waren so beeindruckt und aufgewühlt, dass wir auf dem Heimweg in eine nahegelegene Kirche gingen, um uns zu beruhigen. Beide hatten wir das Gefühl, etwas Außergewöhnliches erlebt zu haben. Im Nachhinein meine ich, die 'Dichterliebe' nie beseelter und vollendeter gehört zu haben". Der Mitschnitt, der damals ohne Ziel einer späteren Veröffentlichung entstand, lässt auch aus der zeitlichen Distanz erahnen, was die Kollegin Wunderlichs gemeint haben könnte. Auch wenn die Tonqualität des Dokuments einige Schwachstellen hat, ist unüberhörbar, mit welchem Feingefühl für Artikulation, Diktion, Phrasierungen, überhaupt mit welcher betörenden Transparenz in Verbindung mit natürlicher Emotionalität der begnadete Tenor die Klassiker der Liedkunst zum besten gab.

Überhaupt war seine Wandelbarkeit erstaunlich. Das lag an seiner Neugier, mit der er sich auf für ihn unerforschtes Terrain begab, um selbst zu lernen, weiter zu kommen. Es hing aber auch damit zusammen, dass Wunderlich während seiner frühe Karrieren sehr unterschiedliche Stationen absolvierte. In seiner Jugend etwa half er zum Broterwerb für seine Familie gelegentlich in Tanzkapellen aus. Die Ausbildung an der Freiburger Musikhochschule wiederum brachte ihn intensiv mit Alter Musik und Barockrepertoire zusammen. So wundert es nicht, als weitere Teile der Wunderlich-Edition zwei stilistisch entgegengesetzte Projekte zu erleben. Die "Wiener Lieder" entstanden im Juni 1966 im großen Saal des Musikvereins und präsentieren den Pfälzer mit Melodien der populären Tradition der Donaumetropole. Am Pult stand Robert Stolz, der Chor der Staatoper und das Orchester der Volksoper bildeten den Rahmen und sogar die Philharmoniker wirkten unter dem Pseudonym "Spilar Schrammeln" mit. Wunderlich passte sich mit natürlicher Eleganz an den Tonfall der Wiener an und sang derartig überzeugend Weisen wie "Im Prater blühn wieder die Bäume", dass selbst der 86jährige Stolz voll des Lobes war.

Die andere Sammlung "Arien und Duette 1955-1966" hingegen stellt den Künstler mit Konzertstücken von Monteverdi bis Lortzing vor. Sowohl seine erste Plattenaufnahme mit seinen Lehren August Wenzinger am Pult, Gustav Scheck an der Flöte und Fritz Neumeyer am Cembalo als auch die letzte mit dem Lied des Chateauneufs aus "Zar und Zimmermann" finden sich auf dieser Zusammenstellung wieder. So ist "Arien und Duette" eine Art Schnellkurs durch die Kunst des legendären Sängers, ein idealer Einstieg für neue Bewunderer und eine reizvolle Kompilation für Spezialisten, die sich die einzelnen Passagen nun nicht mehr mühsam aus verschiedenen Quellen zusammensuchen müssen.