Klassik Newsletter

Sie wollen immer aktuell informiert sein? Unser Newsletterservice versorgt Sie wöchentlich mit allem zum Thema klassische Musik.

OK

Nichts verpassen

Nutzen Sie KlassikAkzente Online auch wenn Sie nicht auf unserer Seite sind:
Social Networks:

Artikel

08.05.2003

Ein Spanier in England

Ein Spanier in England

Noch immer kennt man Isaac Albéniz vor allem als Komponisten iberisch getönter Klaviermusik. Sein Werk jedoch umfasst ebenso ein Oratorium und mehrere Opern. Sie gerieten in Vergessenheit, denn im konservativen Spanien des ausgehenden 19.Jahrhunderts hielt man Albéniz für einen Opportunisten, der seine Stücke in den Dienst anderer, unbeliebter Mächte wie den Engländern stellte. Dabei hat "Henry Clifford" durchaus das Zeug zur großen historischen Erzähloper.

Isaac Albéniz hatte es nicht leicht. Am 29.Mai 1860 in Camprodón (Gerona) geboren, wurde seine musikalische Begabung entdeckt und zunächst gefördert. Er galt als pianistisches Wunderkind und hatte schon als Sechsjähriger Unterricht bei Antoine François Marmontel. Sein Lebensweg schien bald festgelegt, denn er reiste bereits als Jugendlicher viel durch die Konzertsäle Europas, um sein Können zu präsentieren. Daheim in Spanien allerdings wurde er bald schon wieder von der High Society vergessen. Daher begann er, sich als junger Mann umzuorientieren und in der Ferne sein Glück zu versuchen. Im Jahr 1890 reiste er nach London, tourte daraufhin mehrere Monate lang durch das Königreich, und traf schließlich auf Francis Burdett Money-Courts, einen Bankierssohn und Hobbyliteraten.

Aus der Bekanntschaft wurde ein Mäzenatenverhältnis, das auf der einen Seite Albéniz monetär den Rücken freihielt, auf der anderen Money-Courts als Librettisten in die Musikgeschichte eingehen ließ. Auf dessen Anregung hin entstanden drei Opern, die allerdings mit Ausnahme von "Pepita Jiménez" (1896) wieder in der Versenkung der Singspielannalen verschwanden. Immerhin, Albéniz hatte Aufträge und er begann unmittelbar, nachdem er London wieder verlassen hatte im Sommer 1893 mit der Arbeit an "Henry Clifford". Ein Teil der Komposition entstand in Paris, ein anderer in Barcelona, wo die Oper am 8. Mai 1895 am Gran Teatro del Liceo uraufgeführt wurden. Fünf Vorstellungen wurden gespielt, dann ließ das Interesse an dem Stück nach, denn der gesungene Text war englisch und der Stoff passte nicht recht ins königlich-national und konservativ geprägte Spanien.

Tatsächlich entsprach das Libretto inhaltlich eher den Vorstellungen Money-Courts. Die Geschichte spielte im England des 15.Jahrhunderts zur Zeit des sogenannten Rosenkrieges, als sich die Häuser York und Lancaster um die britische Krone zankten. Sie erzählte verschiedene Episoden aus dem Leben von Henry Clifford, dem Sohn eines der führenden Offiziere des Lancasters, dessen Vater 1461 bei der Schlacht um Towton ums Leben kam, und von den Geschehnissen um das Königshaus bis hin zur entscheidenden Schlacht von Bosworth 1485, als Henry of Richmond aus dem Hause Lancaster schließlich die Situation zu seinen Gunsten entscheiden konnte und fortan als Henry VII regierte. Albéniz machte aus dem Stoff ein heroisches, vom zeittypischen Pathos getragenes Bühnenepos, überwiegend in moderatem Tempo gehalten und ohne folkloristisches Kolorit. Das war wohlmöglich sein Fehler, denn bald darauf wurde ihm vorgehalten, er sei dem Spanischen fremd geworden, woraufhin sich der Komponist für den Rest seines Lebens nach Frankreich zurückzog.

Erst jetzt beginnt man, seine großen Werke wieder zu entdecken. Nach seiner Oper "Merlin" wurde im Juli 2002 auch "Henry Clifford" im Auditorio National de Música de Madrid mit dem Orchesta Sinfónica de Madrid unter der Leitung von José de Eusebio festgehalten. Die Titelrolle sang der Tenor Aquiles Machado, seinen Widersacher Sir John Saint John der Bariton Carlos Alcares und die beiden weiblichen Hauptrollen wurden von Allesandra Marc (Lady Clifford) und Jane Heschel (Lady Saint John) übernommen. So besann man sich mit mehr als hundert Jahren Verspätung einem der großen Werke der spanischen Musik, längst überfällig in der vorliegenden Form.