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02.05.2003
John Eliot Gardiner

Schatz in der Truhe

John Eliot Gardiner, Schatz in der Truhe

Jugendsünden können peinlich sein. Allerdings gehen die Ansprüche an die Qualität eines Werkes oft auseinander. Hector Berlioz vernichtete alle seine Kompositionen, die er als Zwanzigjähriger geschrieben hatte, weil er meinte, sie würden seinem späteren Niveau nicht entsprechen. Die "Messe Solenelle" allerdings überlebte durch viele Zufälle. Und bestimmt nicht zum Schaden des Urhebers.

Frans Moors traute seinen Augen nicht. Als er 1992 in einer alten Eichentruhe auf der Orgelempore der Antwerpener Kirche Saint-Charles Borromée kramte, fiel im eine Partitur von Hector Berlioz in die Hände. Es handelte sich um die verschollen geglaubte "Messe Solenelle", die der französische Komponist 1824 geschrieben hatte und die zu einem seiner ersten Erfolg in den Pariser Musiklandschaft geworden war. Die Rekonstruktion des Fundes ergab eine abenteuerliche Geschichte. Zunächst hatte die Notenschrift einen Vermerk: "Die Partitur dieser Messe, vollständig von Berlioz' eigener Hand, erhielt ich als Zeichen der langjährigen Freundschaft, die mich mit ihm verbindet. Gez: A. Bessems, Paris 1835".

 

Bessems war ein belgischer Geiger aus Antwerpen, der zur selben Zeit am Pariser Konservatorium studiert hatte wie Berlioz. Er spielte auch einige Konzerte in Paris für seinen ehemaligen Mitstreiter um 1835 und bekam wahrscheinlich bei einer dieser Gelegenheiten die Handschrift vermacht (vielleicht sogar als Honorar). Jedenfalls erbte nach Bessems Tod dessen Bruder Joseph das Exemplar, der für die Musik an der Kirche Saint-Charles Borromée verantwortlich war. Er war es wohl auch, der es in die Eichentruhe legte und so profund vergaß, dass es erst mehr als ein Jahrhundert später wieder entdeckt wurde.

 

Berlioz selbst hatte alle Kompositionen des Jahres des Jahres 1824 für dilettantisch erklärt und verbrannt. Auch von der Messe überlebte offiziell mit dem bearbeiteten "Resurrexit" nur wenig, obwohl sie für ihn bei der ersten Aufführung am 10.Juli 1825 in der Pariser Kirche Saint-Roch viel Lob von allen Seiten einbrachte. Eine nochmalige Darbietung zwei Jahre später in Saint-Eustache ebenfalls in Paris, wurde sogar zum Beginn von Berlioz' Dirigentenkarriere, weil er sich aus Mangel an Budget selbst ans Pult stellte. Trotzdem fand die Messe unter seinem künstlerischen Auge keine Gnade und sollte verschwinden.

 

Der Zufallsfund stellt daher einen Glücksfall dar, wie ihn sich Sir John Eliot Gardiner wünscht. Der Spezialist für historisch korrekte Aufführungen hat sich mit dem eigens für derartige Fälle gegründeten Orchestre Révolutionnaire et Romantique einen Klangkörper geschaffen, der auch ungewöhnliche Passagen wie die tiefen Lagen der "Messe Solennelle"; die mit inzwischen ungebräuchlichen Instrumenten wie Serpent, Buccine und Ophikleide besetzt sind, umgehen kann. Im Oktober 1993 trat er mit dem Ensemble und dem Monteverdi Choir in der Londoner Westminster Cathedral vor die Mikrofone und machte der Musiköffentlichkeit ein vergessenes Werk zugänglich, dessen künstlerische Vielfalt weit über die Selbsteinschätzung des Komponisten hinausgeht. Eine Pioniertat, die es verdient, in die Sammlung 'Philips 50' mit außergewöhnlichen Aufnahmen aus fünf Jahrzehnten Schallplattengeschichte aufgenommen zu werden.

 

Die Referenz:

 

"Daß die definitiv erste Aufnahme eines groß besetzten Chorwerkes Maßstäbe für seine Rezeptionsgeschichte setzt, wird man wohl in kaum einem anderen Fall mit derselben Überzeugung konstatieren können wie hier" (V. Fischer in FonoForum 3/94)

 

Näheres zur Referenz-Reihe unter http://www.referenzaufnahmen.de