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02.05.2003

Spiel der Gefühle

Spiel der Gefühle

Es ist ein Stoff, der Andrea Bocelli liegt. Giacomo Puccinis Melodram "Tosca" bietet das ganze Spektrum wirkungsvoller Emotionen auf der Bühne - Liebe, Eifersucht, Verzweiflung, Tod - und nebenbei einige der beliebtesten Arien der Operngeschichte. So ist es ein Verbindung der Superlative, wenn sich einer der populärsten Tenöre der Gegenwart einem der Höhepunkte der italienischen Oper widmet.

Genau genommen ist es eine blutrünstige Geschichte, die Giacomo Puccini im Jubeljahr 1900 in Rom uraufführen ließ. Zurückversetzt in das revolutionäre Geschehen des unter Napoleons Expansionsdrang leidenden Europas, entwickelte er eine Handlung, die die nationalstaatlichen Fragen seiner Gegenwart an den Beispielen einiger geplagter Kreaturen aus dem Bohème-Milieu auf die Bühne brachte. Verrat und Erpressung, die unglückliche Liebe zwischen dem Maler Mario Cavaradossi und der Sängerin Floria Tosca, Mord und Hinrichtung - was für ein Spektakel. Für die Oper der vergangenen Jahrhundertwende jedoch war das genau der Stoff, aus dem die Bühnenträume waren. Denn Puccini gelang es, den Plot derart geschickt und vielschichtig zu vernetzen, dass jeder seine Interpretation aus der Geschichte ziehen konnte. Und deshalb sind auch die Charaktere der Gestalten noch heute für Künstler von großem Reiz.

Für Andrea Bocelli ist Cavaradossi zum Beispiel eine exemplarische und die Gegenwart herausfordernde Figur: "Als Kind der Toskana und Puccini-Fan fühle ich mich mit seinen Charakteren noch immer sehr wohl, insbesondere mit Cavaradossi. Er ist nicht nur Toscas Liebhaber, sondern darüber hinaus ein Künstler und ein Mann, der sich für Politik interessiert und engagiert. Ich habe diese Rolle lange und intensiv studiert und kann mich nun vollkommen mit ihr identifizieren".

So kommt es, dass nach "La Bohème" mit der Einspielung der "Tosca" nun die zweite komplette Opernaufnahme mit Andrea Bocelli erscheint. Sie entstand zwischen 6. und 13.März diesen Jahres im Teatro Comunale in Florenz und brachte neben dem Startenor aus Pisa unter anderem Fiorenza Cedolins in der Hauptrolle und Zubin Mehta mit dem Orchestra & Chorus of Maggio Musicale Fiorentino vor die Mikrofone. Und sie präsentiert Bocelli als einen leidenschaftlichen Tenor, der es schafft, der anspruchsvollen Partie des vom Schicksal und den politischen Wirrungen zwischen Menschlichkeit und Selbstschutz hin und her gebeutelten Malers die passenden Melancholie zu verordnen. Sein klares, strahlendes Vokalkolorit schafft dabei eine Stimmung und Intensität, die die Zuhörer unmittelbar in ihren Bann zieht. Denn genau das ist Bocellis Stärke.

In einer Zeit, wo die Kulturauguren bereits den Untergang der Gattung "Oper" prophezeit hatten, ist es ihm gelungen mit sensationellen Arien-Alben die Hitparaden zu stürmen. Die neuen und anspruchsvollen Kompletteinspielungen erst von "La Bohème" und nun von "Tosca" gehen noch eine Schritt weiter. Sie wagen das Experiment, ein zunehmend von der medialen Häppchenkultur geprägtes Publikum mit langen Spannungsbogen und großen Formen wieder vertraut zu machen. Das ist mutig, aber eine reelle Chance für die Musikdramatik. Denn wer sonst, wenn nicht Andrea Bocelli, hat zur Zeit das Zeug, die Menschen für die Oper zu begeistern...