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18.04.2003

After A Dream

After A Dream

Der 1782 in Genua geborene Niccolò Paganini ist zweifellos der legendärste klassische Violinist der gesamten Musikgeschichte. Seine Technik war so atemberaubend, daß man munkelte, er habe seine Seele an den Teufel verkauft, weshalb man ihm auch den Beinamen "der Teufelsgeiger" gab. Als Paganini 1840 in Nizza starb, vermachte er seine berühmte Guarneri-Violine, die den Namen Il Cannone (Die Kanone) trug, seiner geliebten Heimatstadt Genua.

Die Stadtväter haben das Instrument seither in tadellosem Zustand gehalten, und die besten Violinisten aus aller Welt pilgern noch heute nach Genua, um das Instrument dort zu spielen und mit ihm Aufnahmen zu machen - stets unter den wachsamen Augen der Konservatoren und zweier bewaffneter Wächter.

Im Dezember 2001 erhielt Regina Carter (die zwar eine klassisch geschulte Violinistin ist, aber bereits während ihrer Highschool-Zeit ins Jazzlager gewechselt war) von der Stadt Genua die völlig überraschende Einladung, auf Paganinis Violine zu konzertieren. Bis dahin hatte weder ein Jazzmusiker noch ein Afro-Amerikaner je die Ehre gehabt, diese Violine in Händen halten zu dürfen. Die "ketzerische" Idee, auf dem unschätzbar wertvollen Instrument Jazz spielen zu lassen, löste in gewissen gehobenen Kreisen Genuas eine hitzige Kontroverse aus. Die Gemüter beruhigten sich erst, nachdem Carter eine Pressekonferenz gegeben hatte, bei der sie eloquent - und auf Italienisch! - bekannte, was für eine außerordentliche Ehre es für sie sein würde, wenn sie auf dieser Violine spielen dürfte. Dem Charme der amerikanischen Künstlerin erlag nicht nur die in Scharen herbeigeeilte italienische Presse, sondern auch der Großteil der Leute, die zuvor erklärte Gegner des Unterfangens gewesen waren. Das Konzert war im Nu ausverkauft, Carter wurde vom Publikum mit stehenden Ovationen gefeiert und avancierte zur neuesten Heroine Genuas.

Nach dem Konzert hatte Regina Carter, die eine der originellsten und charismatischsten jungen Jazzsolistinnen ist, nur noch einen Wunsch: Sie wollte unbedingt auch die erste Jazzmusikerin sein, die mit dieser Guarneri-Violine eine Aufnahme machte. Dank der großzügigen Unterstützung des italienischen Impresarios Andrea Liberovici, der schon maßgeblich für die Einladung Regina Carters verantwortlich gewesen war, und mit Hilfe der Stadtoberen Genuas erfüllte sich dieser Traum im November 2002. Drei wundervolle Tage lang durfte die Violinistin in Genua das Instrument zur Einspielung von "Paganini: After A Dream" benutzen.

Um der einzigartigen Gelegenheit, dieses kostbare Instrument spielen zu dürfen, gerecht zu werden, entschied sich Carter für ein Repertoire, das eine Brücke zwischen der Welt der klassischen Musik und jener des Jazz schlägt. Aus dem klassischen Repertoire wählte die Violinistin modernere, freiere Werke französischer Komponisten (Maurice Ravel, Claude Debussy und Gabriel Fauré) aus der Epoche zwischen Paganinis Tod und der Mitte des 20. Jahrhunderts. Ergänzt wurde das klassische Programm durch zeitgenössische Filmmusik (Ennio Morricones "Cinema Paradiso"), eine Bossa Nova (Luiz Bonfás "Black Orpheus") und einen Tango mit klassischem Einschlag (Astor Piazzollas "Oblivion"). Schließlich sind da noch Regina Carters Eigenkomposition "Alexandra" (ein Auszug aus der gleichnamigen Auftragskomposition, die sie 2002 für das John F. Kennedy Center for the Performing Arts schrieb) sowie "Healing In Foreign Lands" des Pianisten Werner Gierig, zwei Stücke, die die klassische Schulung der beiden Schreiber verraten und sich nahtlos in das Repertoire des Albums fügen.

Regina Carters Quintett spinnt die großartigen melodischen Fäden dieser Werke fort, lenkt sie rhythmisch sanft in andere Bahnen und improvisiert über ihre prächtigen Harmonien. Bei drei Titeln steht Carters Quintett ein 18köpfiges, von Ettore Stratta geleitetes Streichorchester zur Seite (Stratta erlangte mit populären Projekten wie "Symphonic Bossa Nova" und "Symphonic Elvis" Berühmtheit), bei zwei Titeln gesellt sich zu ihm der russische Cellist Borislav Strulev.

Die Paganini-Violine hat einen unverwechselbaren irisierenden Klang, der lieblicher und heller ist als der einer modernen Geige. Sie verfügt außerdem über eine breitere Palette an Ober- und Untertönen. Regina Carter spielt das Instrument mit aller gebotenen Einfühlsamkeit und dennoch in der für sie typischen Weise: mit unfehlbarem Swing (selbst in den Balladen), äußerster Musikalität und einer großzügigen Dosis lateinamerikanischer Rhythmik. Ihre Improvisationen sind wie stets flüssig, verspielt und phantasievoll.

Die Arrangements für sechs der neun Stücke dieses Albums schrieb Jorge Calandrelli, der u.a. schon mit Tony Bennett, Celine Dion, Quincy Jones und dem Royal Philharmonic Orchestra arbeitete. Das Ergebnis ist eine vollkommen einzigartige Einspielung, deren Musik wechselweise kontemplativ, ergreifend, neckisch, mitreißend oder bezaubernd ist.