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11.04.2003

Henck und Holliger

John Cage, Henck und Holliger

Seit Jahren steht der Name ECM "New Series" für anspruchsvolle Klangerkundungen in den Grenzbereichen der komponierenden Gegenwartskunst. Mit zwei spektakulären Veröffentlichungen führt das Münchner Label nun diese Tradition fort. Auf "Locations" widmet sich der Pianist Herbert Henck einem Grundlagenwerk von John Cage und ergänzt es um eigene Improvisationen. Für "Lauds And Lamentations" wiederum kontrastiert Heinz Holliger die Werke von Elliott Carter und Isang Yun.

John Cage stand am Wendepunkt zwischen den bis in die dreißiger Jahre hinein geltenden Traditionen komponierter Darstellungen und einem musikalischen Verständnis, das sich immer mehr vom Werkbegriff an sich wie auch dem damit verbundenen vorherbestimmten Vortrag löste. Inspiriert von einem ästhetischen Verlangen nach Freiheit und Unmittelbarkeit, ging er davon aus, dass Musik vor allem in ihren und durch ihre Aufführungen existiere, dass also ein Komponist vorrangig Aufführungen zu entwerfen habe, deren Verläufe in hohem Maße spontan sind. So kam der Performance-Gedanke in die moderne klassische Musik und das ist auch der Grund, weshalb Cage sich für weitreichende Neuerungen des Klanginventars stark machte. Die "Sonatas and Interludes for prepared Piano" von 1946/48 gehören als frühminimalistische Strukturstudien zu den Pionierarbeiten für präpariertes Klavier. Der Pianist Herbert Henck, der sich in den vergangenen Jahren einen Namen als Interpret zeitgenössischer Musik gemacht hat, nimmt diese Werke daher zum Ausgangspunkt einer gewagte Synopse der Klangvorstellungen. Er stellt sie seinen eigenen, im Anschluss an die Cage-Aufnahme in der Festeburgkirche von Preungesheim entstanden Improvisationen gegenüber und verwischt auf diese Weise die Grenzen zwischen den konträren Entstehungsmodi der Musik. Der Klang ist die Hauptsache, wie er entsteht und welche Wege der Gestaltung er nimmt, tritt in den Hintergrund. Ein gewagtes Experiment der "Komprovisation" mit reichlich Charme und einem Hauch von intellektueller Heiterkeit.

 

Heinz Holliger wiederum gehört zu der Kategorie Musiker, für die lebende Komponisten eigens Werke schreiben. Seit der Schweizer Oboist 1959 und 1961 die Rundfunkwettbewerbe in Genf und München gewann, hat er sich zu einem der führenden Instrumentalisten seines Fachs entwickelt, der bereits zahlreiche Werke zeitgenössischer Musik zur Aufführung brachte. Auch Elliot Carter hatte Holliger im Sinn, als sein "Oboe Quartet" (2001) ersann: "Ich gestaltete den Oboenpart besonders brillant, mit extremen Registersprüngen und schnellen Werkpassagen, die dem Interpreten große Flexibilität abverlangen. Der Zugang, den Heinz zu seinem Instrument hat, ist quasi unlimitiert, und so beschloss ich auf ein Neues, dass er in der Werk seine Spuren hinterlassen solle".

 

Der andere Teil der Doppel-CD "Lauds and Lamentations" ist späten Werken des koreanischen Komponisten Isang Yun gewidmet. Holliger erinnert sich: "Isang Yun schickte mir 1994 die Entwürfe eines völlig neuen Quartetts. Ich war von der Vitalität und der ungebrochenen Energie begeistert, die von seinem geschwächten Körper sich in diesen Bewegungen niederschlug. Und dann dieser mittlere Teil, der Dematerialisierung, Auflösung zum Klingen brachte - eine Umsetzung reinen Geistes. Kurz nachdem er das Quartett vollendet hatte, wurde es Isang Yun unmöglich zu komponieren. Die lange vorausgeplante Premiere fand dann vier Tage nach seinem Tod im November 1995 statt". Zusammen mit Yuns bekanntestem Werk "Piri" ist das "Quartet" Teil von Holligers wegweisender Aufnahme, die er an der Seite von Thomas Zehetmair an der Geige, Ruth Kilius an der Viola und dem Cellisten Thomas Demenga verwirklicht hat. Es ist ein Hommage an zwei große Klanggestalter der zeitgenössischen Moderne, die mit "Lauds and Lamentations" zweifellos mehr Aufmerksamkeit als bisher erfahren werden.