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11.04.2003
John Eliot Gardiner

Singen für den Frieden

John Eliot Gardiner, Singen für den Frieden

Napoleon war bereits in der Steiermark. Die revolutionären Truppen des französischen Emporkömmlings bedrohten die feudale Ordnung Mitteleuropas und die Schrecken der Revolution waren noch allgegenwärtig. In diesen Zeiten schrieb Joseph Haydn seine "Missa in tempore Belli", wegen der martialischen Trommeln später auch "Paukenmesse" genannt. Sie ist Teil des Messenzyklus, mit dem sich Sir John Eliot Gardiner dem geistlichen Spätwerk der Komponisten nähert.

Joseph Haydn hatte einen guten Job. Seit drei Jahrzehnten bereits war er der Fürstenfamilie Esterhazy verpflichtet und er blieb es auch, als er eigentlich nicht mehr in der österreichischen Abgeschiedenheit (und wahlweise in Wien) hätte leben müssen. Mitte der 1790er Jahre war der Komponist entgültig zum Star des Londoner Musiklebens aufgestiegen, führte regelmäßig neue Symphonien auf und verdiente ansehnlich Geld ("Man kann nur in England solche Summen verdienen", schrieb er an einen Freund). Trotzdem zog es ihn zurück in die alte Heimat, an seine Stelle bei den Esterhazys. Es hatte durchaus auch Vorteile, nicht in der Hektik der englischen Hauptstadt leben zu müssen. Denn der jüngste Fürst Esterhazy, der im Unterschied zu seinen Vorgängern mehr an den bildenden Künsten als an Musik interessiert war, beauftragt Haydn in der Regel lediglich mit einer Messe pro Jahr, die am Namenstag seiner Frau Maria Hermenegild aufgeführt wurde. Der Komponist nützte diese weitgehende künstlerische Freiheit, um an geistlichen Werken und seinen beiden Oratorien "Die Schöpfung" und "Die Jahreszeiten" zu arbeiten. Um 1800 ließ die Schaffenskraft langsam nach. Haydn blieb in Wien kümmerte sich um einige wenige Werke, sein Privatleben (nach dem Tod seiner Frau heiratete er seine langjährige Geliebte) und starb schließlich am 31. Mai 1809 als der wohl bekannteste österreichische Komponist seiner Generation.

 

Die "Heiligmesse" und die "Paukenmesse", die sich John Eliot Gardiner zusammen mit der Motette "Insanae et vanae curae" für den dritten Teil seines Messenzyklus ausgewählt hat, den er gemeinsam mit den English Baroque Solists und dem Monteverdi Choir verwirklicht, gehören in die späte Phase der Haydnschen Komponiertätigkeit. Erstere wurde unter dem Titel "Missa Sancti Bernardi von Offida" am 11. September 1796 vertragsgemäß zum Namenstag der Fürstin aufgeführt. Die "Paukenmesse" hingegen entstand außer der Reihe wahrscheinlich im Auftrag von Joseph Franz von Hoffmann und wurde an der Wiener Piaristenkirche am 26. Dezember 1796 uraufgeführt. Beide Werke zeichnen sich bereits durch eine sehr freie und trotzdem der Form der liturgischen Aufführung gehorchende Durchführung aus, wie sie nur einem erfahrenen Komponisten wie Haydn ohne Qualitätseinbrüche von der Hand gehen konnte. Die Zeitgenossen störten sich zwar an einigen Stellen an der in ihrer Augen unpassenden Brillanz der Umsetzung. An der Meisterschaft der Messen an sich jedoch zweifelte kaum jemand. Und da Gardiner und seine Ensembles versuchen, die kunstvolle Gestaltung möglichst originalgetreu wieder zu geben, gehört auch der aktuelle Teil des Messenzyklus zu den grundlegenden Interpretationen des Genres, deren elegante, spirituelle Schönheit nach mehr als zwei Jahrhunderten noch Kraft und Klarheit zu vermitteln vermag.