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04.04.2003

Russenreigen

Michail Vasil’evič Pletnëv, Russenreigen

Russischer geht es kaum noch. Einer der besten Pianisten des Landes am Klavier, eine Legende der Szene am Pult des Russian National Orchestra, Aufnahmen im Saal des Moskauer Konservatoriums, Prokofjew und Rachmaninow auf dem Programm. Hier ballen sich Erfahrung und Authentizität zum Spitzentreffen der musikalischen Kompetenz. So, wie es eben sein soll.

Beide Komponisten waren zugleich hervorragende Pianisten. Und beide haben Aufnahmen ihrer Klavierkonzerte hinterlassen. Sergej Rachmaninow archivierte sein "Klavierkonzert Nr. 3 C-Dur, op. 26" im Winter 1939/40 gemeinsam mit dem Philadelphia Orchestra unter Eugene Ormandy. Sergej Prokofjew wiederum spielte sein "Klavierkonzert Nr. 3 d-moll, op. 30" im Jahr 1932 mit dem Londoner Symphony Orchestra, das damals Piero Coppola dirigierte. So gibt es nicht nur hervorragende Versionen späterer Interpreten, sondern nahezu amtliche Varianten aus erster Hand. Für Mikhail Pletnev, den 46jährigen Pianisten und Dirigenten aus Archangelsk, ist das jedoch kein Hinderungsgrund, sich ebenfalls mit den beiden Werken auseinander zu setzen: "Die Komponisten haben das Recht, so zu spielen, wie es ihnen gefällt. Prokofjew war bekanntlich ein wunderbarer Pianist, aber Rachmaninow - der war ein Genie. Er war der größte Pianist, den ich je gehört habe, wenn auch nur auf Schallplatte. Und obwohl sein Spiel von dieser Genialität geprägt ist, dürfen wir es nicht für die einzige Möglichkeit halten. Für jeden Komponisten ist seine Musik 'sein Baby'. Früher oder später wird dieses 'Baby' erwachsen, verlässt das Elternhaus und begegnet anderen Menschen, die es interpretieren. Statt mir Rachmaninows eigene Aufnahme anzuhören, schaue ich lieber in mich selbst hinein, um zu sehen, was mir die Musik gegeben hat, um zu hören, wie sie mit mir spricht. Das versuche ich herauszubringen".

 

Und das ist schlicht Understatement. Denn technisch gesehen verfügt Pletnev über sämtliche Möglichkeiten, die man zur Umsetzung wuchtiger Werke wie der beiden Konzerte braucht. Er hat die nötige Mischung aus Kraft, Gefühl und Distanz, um das sentimentale Pathos eines Rachmaninow oder den hintergründigen Witz eines Prokofjew in der passenden Dosierung zu präsentieren. Darüber hinaus steht ihm mit Mstislaw Rostropowitsch am Dirigentenpult und dem Russischen Nationalorchester im Großen Saal des Moskauer Konservatoriums ein perfekt und symbiotisch geführter Klangkörper zur Verfügung. "Es ist genauso, wie ich es mir von Anfang an gedacht habe", kommentiert er die Aufnahmen, die im September vergangenen Jahres stattfanden. "Die meisten Musiker betonen die rhythmische Sprache der Musik; doch zu hören, mit welcher Intensität Rostropowitsch diese Farben herausarbeitet, war für mich eine große Hilfe". Das Resultat der intellektuellen und emotionalen Gemeinsamkeiten sind jedenfalls zwei frische Deutungen virtuoser Paradestücke, die trotz aller Artistik wunderbar leicht und ehrlich geraten sind.