Klassik Newsletter

Sie wollen immer aktuell informiert sein? Unser Newsletterservice versorgt Sie wöchentlich mit allem zum Thema klassische Musik.

OK

Nichts verpassen

Nutzen Sie KlassikAkzente Online auch wenn Sie nicht auf unserer Seite sind:
Social Networks:

Artikel

28.03.2003

Erdenfern

Erdenfern

Die Erfolgsgeschichte der Cello-Suiten von Bach beginnt in den Zehnerjahren des vergangenen Jahrhunderts. Weitgehend unbeachtet fristeten sie ihr Dasein im Werkkatalog, bis sich Pablo Casals ihrer annahm. Durch eine Konzerte und erste Aufnahmen noch zur frühen Schellack-Ära rückten sie ins Bewusstsein der Musiköffentlichkeit. Musiker wie Pierre Fournier setzten ihnen schließlich weitere Denkmäler.

In der Autobiographie "Licht und Schatten" erinnerte sich Pablo Casals an die erste Begegnung mit den Cello-Suiten: "Eines Tages sagte ich meinem Vater, ich brauche unbedingt etwas Solistisches, das ich im Café Pajarera vortagen könnte. Gemeinsam machten wir uns auf die Suche. Aus zwei Gründen werde dich diesen Nachmittag mein Leben lang nicht vergessen. Erstens kaufte mir mein Vater das erste Cello in voller Mensur - was war ich stolz, ein solch wunderbares Instrument zu besitzen! -, und dann machten wir Halt vor einem Musikalien-Antiquariat in der Nähe des Hafens. Ich durchwühlte eben einen Stoß Musikalien, als mir plötzlich ein Bündel zerfledderter und stockfleckiger Notenblätter in die Hände fiel. Es waren die Solo-Suiten von Johann Sebastian Bach - Stücke für Cello allein! Ich schaute ziemlich fassungslos drein: Sechs Suiten für Violoncello solo? Welcher Zauber, welches Geheimnis verbarg sich hinter diesen Worten! Nie hatte ich von der Existenz dieser Suiten etwas gehört. Niemand - auch mein Lehrer nicht - hatte sie vor mir auch nur erwähnt. Ich vergaß, wozu wir eigentlich den Laden betreten hatten. Ich konnte nur noch auf die Notenblätter starren und sie streicheln [...] Ich begann, sie mit unbeschreiblicher Erregung anzuspielen; sie wurden meine Lieblingsstücke. Ich studierte sie und arbeitete an ihnen die nächsten zwölf Jahre Tag für Tag. Jawohl, zwölf Jahre sollten vergehen, ehe ich mit fünfundzwanzig den Mut aufbrachte, eine jener Suiten öffentlich im Konzert vorzutragen. Bis dahin hatte kein Geiger, kein Cellist jemals eine der Bachsuiten ungekürzt gespielt".

Die Begeisterung Casals übertrug sich auf die Musikwelt. Je mehr sich der großartige Musiker und Vater des modernen Cellos den Bachschen Suiten widmete, umso klarer konnte er deren Reiz auch an seine Schüler und Kollegen weitergeben. Pierre Fournier war eine Generation jünger als Casals, hatte über Umwege wie Stummfilmbegleitung und Kurorchester den Weg in die Kammermusik gefunden, schaffte es aber seit 1928 im Alter von 22 Jahren von Paris aus eine Weltkarriere zu starten. Innerhalb kurzer Zeit spielte er von Alfred Cortot bis Swjatoslaw Richter mit den meisten zentralen Instrumentalisten seiner Generation und galt seit den Fünfzigern als einer der größten Virtuosen seines Instruments. Wohl auch aus diesem Grund ermöglichte es ihm die Polydor im Winter 1960/61 im Hannoveraner Beethovensaal, die als schwer verkäuflich geltenden Cello-Suiten aufzunehmen.

Für den beteiligten Tontechniker Heinz Wildhagen waren das aufregende Momente: "Fournier war ein aristokratischer, äußerst selbstkritischer Künstler der alten Schule. Ihm lag bei den Aufnahmen besonders viel an dem Gefühl von Kontinuität, und er liebte lange Takes, oft ganze Sätze, die dann - wenn überhaupt - mit ähnlich langen Alternativtakes korrigiert wurden". So entstanden verblüffend emotionsintensive Versionen der lange Zeit als intellektuell und kalt geltenden Werke, die von Fournier mit besonderer Aufmerksamkeit und Nuanciertheit ausgearbeitet worden waren. Und die schließlich auch zum Nekrolog des großen Casals wurden. So erinnert sich Nicholas Anderson in den Liner Notes an einen der spektakulärsten Auftritte des Cellisten: "Nach der vorliegenden Gesamtaufnahme aus den frühen 60er Jahren stellte Fournier die Suiten immer häufiger in den Mittelpunkt seiner Konzerte. Als Casals im Herbst 1973 starb, wurde er zum Festival 1974 Fournier eingeladen, in der Kirche San Michel de Cuxa nahe Prades die Bachsuiten zu spielen. Die Kirche war bis auf den letzten Platz besetzt, und das Publikum war so tief berührt von Fourniers konzentriertem, unprätentiösem Tribut an Casals, dass am Ende des Konzertes keiner applaudierte. Stattdessen erhoben sich alle Anwesenden und verharrten stehend in völliger Stille".

Die Referenz:

"...Fourniers abgeklärte, disziplinierte und durchgeistigte Interpretation zählt zu den großen Darstellungen dieser Werkgruppe. Höchste Bewertungen für die Interpretation und Klangqualität." (k. Breh, Stereoplay 1/1989)