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21.03.2003

Am Scheideweg

Am Scheideweg

Beim letzten "Ewig!" brach Kathleen Ferrier in Tränen aus. Es war einer der bewegenden Momente beim Edinburgh Festival 1947, für den sich die Altistin nach dem Konzert bei Bruno Walter entschuldigte. Anstatt eines Tadel allerdings bekam sie ein Lob, auf das sie stolz sein konnte: "Meine liebe Miss Ferrier, wenn wir alle solche Künstler wären wie Sie, wären wir alle in Tränen ausgebrochen".

Gustav Mahlers "Lied von der Erde" steht am Wendepunkt zum Spätwerk des Komponisten. Es entstand in einer schweren Zeit, im Sommer 1907 im Tiroler Schluderbach. Kurz zuvor war Mahlers ältere Tochter, kaum vier Jahre alt, gestorben und er selbst befand sich in beklagenswertem gesundheitlichem Zustand, herzkrank, psychisch mitgenommen. In dieser Verfassung sprachen ihm die Nachdichtungen chinesischer Lyrik, die Hans Bethge unter dem Titel "Die Chinesische Flöte" herausgegeben hatte, aus der Seele. Mahler ließ sich inspirieren, es entstand neben Skizzen zu seiner neunten Sinfonie die orchestrale Dichtung "Das Lied von der Erde". Es war ein Werk, das die Zeitgenossen verunsicherte. Der Dirigent Bruno Walter, ein enger Freund und musikalischer Vertrauter des Komponisten, formulierte es mit Verwunderung: "Ist es wirklich derselbe Mensch, der 'in Harmonie mit dem Unendlichen' den Bau der Achten errichtet hatte, den wir nun im 'Trinklied vom Jammer der Erde' wiederfinden? Der einsam im Herbst zur trauten Ruhestätte schleicht, nach Erquickung lechzend? Der mit freundlichem Altersblick auf die Jugend, mit sanfter Rühnung auf die Schönheit schaut? Der in der Trunkenheit Vergessen des sinnlosen irdischen Daseins sucht und schließlich in Schwermut Abschied nimmt? [...] Es ist kaum derselbe Mensch und Komponist. Alle Werke bis dahin waren aus dem Gefühl des Lebens entstanden [...] Die Erde ist im Entschwinden, eine andere Luft weht herein, ein anderes Licht leuchtet darüber".

Trotz seiner Skepsis dirigierte Walter das "Lied von der Erde" über Jahrzehnte hinweg mit wachsender Intensität. Und er fand in der englischen Altistin Kathleen Ferrier eine erstaunliche Solistin, deren Gespür für die Mahlersche Kraft weit über die professionelle Empfindungstiefe darstellerischer Norm hinaus ging. Im Mai 1952 entstanden im Großen Saal des Wiener Musikvereins die vorliegenden Aufnahmen, eine von dreien des Werkes, die Walter im Laufe seines Lebens verwirklichte. Der Dirigent war bereits 76 Jahre als, Ferrier wiederum kämpfte im Verborgenen mit ihrer Gesundheit (ein knappes Jahre später starb sie 41jährig an Krebs). Das "Lied von der Erde" gehörte zu den Glanzstücken ihres Repertoires, nach Edinburgh war sie damit 1949 auch in Salzburg enthusiastisch gefeiert worden. Ferrier sang Mahler mit intuitiver Sicherheit und einer ergreifenden emotionalen Deutlichkeit. Ergänzt um den Tenor Julius Patzak, einem der Stars der Wiener Oper, und die Wiener Philharmoniker, entwickelte sich auf diese Weise eine Aufnahme, die auch ein halbes Jahrhundert nach ihrer Entstehung durch Ehrlichkeit und Gefühlstiefe beeindruckt.

Die Referenz:

" In der Einspielung von 1952 unter Bruno Walter wird der Wechselgesang zwischen lustig-ironischen Tenorliedern und lyrisch-melancholischen für Alt von Julius Patzak und Kathleen Ferrier mustergültig vorgetragen. Eine vorbildliche Interpretation." (Stereo 2/1985)

Referenzbroschüren können direkt bei Herrn Per O. Hauber angefordert werden.