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21.03.2003
Fritz Wunderlich

Aus der Seele

Fritz Wunderlich, Aus der Seele

Es war die Zeit, als man einen Tenor, der Schubert-Lieder sang, zum Fototermin noch in den Wald schickte, um stimmungsvoll vor einem Mühlrad zu posieren. Die Zeit, als Fritz Wunderlich gerade mit entwaffnender Natürlichkeit in der Stimme und Präsenz im Auftreten eine internationale Karriere begann. "Die schöne Müllerin" sollte als Mischung von Professionalität und Popularität den Weg dafür bereiten. Das Schicksal wollte es, dass es eine von Wunderlichs letzten Aufnahmen wurde.

Um einen Zyklus wie Schuberts "Die schöne Müllerin" zu singen, braucht man Humor. Denn aus der Perspektive der Nachgeborenen wirken die Worte, die Wilhelm Müller in frühromantischer Verzückung formulierte, unfreiwillig komisch: "Was sucht denn der Jäger am Mühlbach hier? / Bleib, trotziger Jäger, in deinem Revier! / Hier gibt es kein Wild zu jagen für dich, / hier wohnt nur ein Rehlein, ein zahmes, für mich usw." ("Der Jäger"). Fritz Wunderlich hatte das Talent, selbst derartige Plattitüden noch großartig klingen zu lassen. Aufgrund seines enormen Stimmumfangs und einmaligen, natürlichen Timbres galt er als der wichtigste deutsche Tenor seiner Generation. Als Sohn eines Dirigenten und einer Geigerin 1930 in Kusel geboren, lernte er zunächst Horn und leitete zum Broterwerb ein Tanzorchester. Währenddessen studierte er jedoch bei Margarete von Winterfeld in Freiburg und macht sich schnell einen Namen als beachtliches Talent. Wunderlich debütiert 1955 in Stuttgart als Tamino ("Die Zauberflöte"), die Rolle, die er auch als seine letzte in Edinburgh kurz vor seinem tödlichen Unfall im September 1966 sang. Noch keine 30 Jahre alt, war er bereits Stargast in Salzburg und konnte als künstlerische Sicherheit auf ein festes Engagement an der Münchner Oper zurückgreifen. Sein Repertoire wuchs schnell und stetig, zu den Bühnenauftritte gesellten sich nach seiner Ernennung zum Kammersänger 1962 auch Liederabende. Er war Profi durch und durch, mit allen Vorteilen, die dieser Status hatte.

 

"Die Arbeit mit Wunderlich lief phantastisch", erinnert sich der Tontechniker Heinz Wildhagen an seine Aufnahmen im Juli 1966 mit dem Tenor, die er im Plenarsaal der Akademie der Wissenschaften in München verwirklichte. "Er hat sehr schnell gelernt, kam bestens vorbereitet und wusste, was er wollte und konnte. Wir haben nur vier kurze Sitzungen gebraucht, um die ganze ?Schöne Müllerin' und sieben weitere Schubert-Lieder aufzunehmen. Wie immer hatte er die Werke vorher etliche Male im Konzert gesungen und sang sie setzt vollkommen gelöst und ohne irgendwelche technischen Probleme, so dass wir kaum Schnitte und Wiederholungen brauchten." Am Klavier saß Hubert Giesen, eine Generation älter als sein Schützling, dafür aber ein erfahrener Begleiter, der Wunderlich den passenden Rahmen zu geben verstand. So gelang die interpretatorische Gratwanderung zwischen romantischer Emphase (von Schubert gefordert) und moderner Gelassenheit (für das Textverständnis notwendig). Die noch 1966 veröffentliche Aufnahme gewann zahlreiche Preise, darunter den Grand Prix des Discophiles 1967 und den Orphée d'Or 1967. Sie wurde zum zufälligen Vermächtnis eines Sängers, dem noch viele Türen des Erfolges offen gestanden wären.

 

Die Referenz:

 

"Die Aufnahme der 'Schönen Müllerin' zeigt die Kunst des tragisch früh verstorbenen Sängers in voller Reife und Suggestivität. Jedes Motiv wird mit einer zwingenden Intensität geformt und bekommt durch elegante, aber nie gekünstelte Phrasierung und ausgeprägte Deklamation eine einzigartige Plastizität." (E. Pinter, FonoForum 12/1988)