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14.03.2003

Walzerwelt

Walzerwelt

Nicole Kidman und Tom Cruise kleiden sich an: Sie schlüpft ins lange Schwarze mit Rüschen und zeigt Rücken, er in den Smoking. So beginnt Stanley Kubricks Kino-Übersetzung von Arthur Schnitzlers "Traumnovelle" - sein letzter Film: "Eyes Wide Shut".

Das schillernde Paar macht sich für einen Ball zurecht, um ein Uhr wollen die beiden wieder zu Hause sein, der Babysitter ist bestellt, nur die Musik aus der Wohnzimmer-Stereoanlage lässt die kommenden Komplikationen erahnen: ein Walzer. Keiner von Johann Strauß, sondern einer, der quietscht und schnauft, sich aufbläht und ins Bodenlose fällt. Décadence klingt da mit, animalische Lust und irgendwo Akkorde ferner Todesahnung. Dimitri Schostakowitsch hat ihn 1938 für seine 2. Jazz-Suite komponiert - für das neu gegründete Russische Jazz-Orchester. Am Ende des Films hebt die Musik noch einmal an. Dann haben Kidman und Cruise ihre Beziehung auf den gemeinsamen existenziellen, emotionalen und sexuellen Prüfstand gestellt, Träume und Traumata durchlebt - ihre Illusionen als Wirklichkeit erlebt. Von all dem erzählt auch die Musik. Ein Walzer, wie gesagt.

 

Zugegeben, Shostakowitsch' Jazz-Suite-Walzer ist nicht, was wir im Allgemeinen mit dem Dreiviertel Takt verbinden: "Eins, zwei drei" - Tanzschul-Schritt, die schöne "Blaue Donau", das Wiener Neujahrskonzert, Johann Strauß Vater und Sohn, Stehgeiger und eisgekühlten Champagner. Obwohl: All das schwingt im Rhythmus und in der schillernden Opulenz auch mit - der Rausch historischer Walzer-Tradition. Regisseur Kubrick nutzt sie als Verweis auf das Wien von Arthur Schnitzler, in dem sich das Mondäne längst mit dem Morbiden zu einem Totentanz gepaart hatte. Da walzen lüsterne Paare und goldenen Lüstern und pflegen bei aller Frivolität immer noch die bürgerliche Etikette. Und: Schostakowitsch' Walzer (von einem politischen Underdog in einem diktatorischen System komponiert) erzählt auch vom Innenleben des modernen Menschen, seinen Geheimnissen und Sehnsüchten - seinem Unterbewusstsein. Ein Dreiviertel Takt, der sich aus der Kaiserzeit weit in das post-psychoanalytische Zeitalter getanzt hat.

 

In seiner Geschichte hat der Walzer zahlreiche Verwandlungen erlebt - von ihnen will die Auswahl dieser CD erzählen. Bewusst wurde auf die bekannten Walzer der Strauß-Dynastie verzichtet. Sie bilden den Ausgangspunkt für viele Walzer-Komponisten, die den Dreiviertel Takt in ihre Musik gerettet haben: als Zitat, als eigenständige Komposition, als Rückgriff oder als Zukunftsahnung, als Gesellschaftstanz, als folkloristisches Stilmittel oder als Symbol privater Pikanterie. Als solche hat schon Johann Wolfgang von Goethe den Walzer in seinen "Leiden des jungen Werther" beschrieben. Nachdem Werther an der Seite von Charlotte durch die Nacht tanzte, schrieb er: "Und da wir nun ans Walzen kamen und wie die Sphären um einander herumtollten (...) fielen wir ein und hielten wacker aus. Nie ist mir's so leicht vom Flecke gegangen. Ich war kein Mensch mehr."

 

Heute meinen wir, wenn wir Walzer sagen, meist jene Wiener Trademark, die uns alljährlich auf dem Neujahrskonzert vorgespielt wird und vergessen dabei, dass der Walzer eine über 500jährige Tradition hat - und nicht aus Österreich kommt. In Frankreich galt die "Volte", ein Tanz, bei dem sich das Paar ungestüm in den Armen lag, zunächst als Skandal. Aber vom vulgären Bauerntanz hat es der Walzer - bis spätestens mit der Französischen Revolution - in die Metropole gebracht und hier das behäbige, höfische Menuett abgelöst. Während man tagsüber in den Straßen "Ca ira!" sang, wurde abends Walzer getanzt. Der Krieg zwischen Frankreich und Österreich hat den Walzer-Wahn schließlich quer durch Europa getragen. 1805 wurden in Wien bereits drei große Walzer-Lokalitäten gezählt: Der Mondscheinsaal, den Jean Beaucousin, ein Wirt aus Lyon eröffnete, der "Bal du Nouveau Monde" des Franzosen Pierre Meunier und der Ballsaal der Brauerei Sperl - in letzterem gab Johann Strauß sein Debüt, und der Walzer eroberte die Welt. Nach dem Wiener Kongress gab sich der Adel betont volkstümlich, und als Zeichen erklärte er nun auch den einst verpönten Tanz als beliebtes Divertissement für standesgerecht - der Walzer war in der Luxus-Welt angekommen, mit der wir ihn noch immer verbinden.

 

In der klassischen Musik wurde der Walzer früh zum musikalischen Mythos: Ein Motiv, das einen besonderen Wiedererkennungseffekt besaß, das problemlos Assoziationen wecken konnte. Der Walzer wurde zur Spielart der Musikgeschichte. Einige Komponisten bestätigten durch ihre Walzer-Zitat die gute alte Zeit, andere brachen die Bedeutung des Tanzes kritisch. Gustav Mahler nutzte ihn in seinen Symphonien, um emotionale Fallhöhe zu schaffen, ließ die vorangehende Moll-Melancholie gern mit einem Dur-strahlenden Ländler - einer Walzer-Variante - explodieren. Auch Johannes Brahms mischte in seinem "Liebesliedwalzer" schweren Text mit leichter (und abgründiger) Muse. In der klassischen Musik wurde der Tanz schnell entkörpert und wanderte als virtuose Komposition vom Parkett des Ballsaals hinauf in die Konzertsäle. Meister dieser Transformation sind die Klavier-Künstler Frédéric Chopin und Franz Liszt - aber auch Beethoven mit seinen Variationen über ein Walzer-Thema von Antonio Diabelli. Peter Tschaikowsky nutzte das Walzersujet im klassischen Sinne für sein Ballett "Dornröschen".

 

Bei Cécile Chaminade, die junge Komponistin, die Bizet gern seinen "kleinen Mozart" nannte, schwingt beim Walzer noch das bewährte Prickeln eines Champagners mit, aber ihr Lied "Ecrin" ("Schmuckkästchen") ist auch eine besinnliche Liebesode, die dem überschwänglichen Text mit musikalischer Freizügigkeit folgt: "Deine Seele ist ein Juwel, der Diamant meiner Krone." Es ist diese Leichtigkeit, die den Walzer bis heute weit über das Klassik-Publikum hinaus beliebt gemacht hat. Eine Popularität, mit der die Neutöner Alban Berg, Arnold Schönberg und Anton Webern spielten, als ihnen das Geld ausgegangen war: Mit einem Walzer-Konzert, in dem sie Klassiker der Strauß-Dynastie amüsant arrangierten, ließen sie die Kasse klingeln. Dabei feierten sie sowohl den bewährten Spaß-Faktor des Tanzes und zeigten gleichzeitig, welch harmonische Raffinesse es noch auszureizen galt. Das tat auch Eric Satie, der allein mit seinem Titel "Trois vales du précieux dégoûté" ("drei Walzer über Affektion und Angewiedertheit") den güldenen Mythos des Walzers aufnahm, um ihn in eine neue - zugegeben, etwas gewöhnungsbedürftige - Musiksprache zu übersetzen.

 

Giaccomo Puccini spielt in seiner Oper "La Bohème" mit dem Mythos des Frivolen im Walzer. Wenn Musette, die Famme Fatale, im Quartier Latin ihren "Musette-Walzer" anstimmt, ist das auch eine Hommage an das Verbotene, das Verruchte, den privaten Skandal - ein musikalischer Subtext. Ähnlich deutet Richard Strauss in seiner Oper "Der Rosenkavalier" den Walzer à la Johann Strauß um, bedient das effektive Tschingderassabum, liefert aber mit dem donnernd schwülstigen Tanz auch eine historisch unterlegte Charakterstudie seines dekadenten Schürzenjägers Ochs auf Lerchenau, der wie ein Geschöpf aus vergangener Zeit seine eigene Götterdämmerung im Dreiviertel Takt betanzt. Wolfgang Korngold nimmt in seiner Oper "Die tote Stadt" mit der langsamen Walzer-Arie "Mein Sehnen, mein Wähnen" die Traumdeutungs-Musik vorweg, die Kubrick später in Schostakowitsch' Jazz-Suite-Walzer entdeckte - der Walzer war in der Moderne angekommen.

 

Besonders die Oper hat ihn aus seiner historischen Rolle befreit, das dekadente Ballereignis zum charakterlichen Psychogramm verwandelt. Und auch in der modernen Orchestermusik wurde der Walzer von Wiener Schlagoberst befreit, aus seinem überholten Kontext gerissen, auf neue harmonische Ebenen getrieben, überdreht und kontrastiert wie bei Benjamin Britten, Khachaturian und Alexander Borodin. Auch Igor Strawinsky lässt den Walzer in seiner Ballettmusik "Petrushka" - hier tanzen Bellerina und der Moor zusammen - in einer neuen, abgründigen Dimension ankommen.

 

Die Walzerwelt ist inzwischen grenzenlos geworden: Der Dreiviertel Takt hat Eingang in Symphonien, Konzerte, Opern und in das Ballett gefunden. Tanzbar oder nicht - seine historische Mythologie hat er in keiner seiner zahlreichen Verwandlungen abgegeben: Ein Volkstanz als sinnlicher Rausch, in dem immer auch der Rausch der Sinne klingt.